Düsseldorf - Die österreichische Hauptstadtpresse hatte zwei Gesandte nach Düsseldorf geschickt, um von ihren beim 1. FC Union untergekommenen Fußballflüchtlingen Christopher Trimmel und Philipp Hosiner Informationen einzuholen: über die Marktmechanismen des Fußballs in diesem irgendwie andersartigen Ostberlin. Bei Rapid Wien, Trimmels ehemaligem Klub, ist soeben der Trainer wegen Erfolglosigkeit gefeuert worden. So hart, so normal. Die Journalisten staunten daher, als ihnen Trimmel in dem grauen Betontunnel unter der Tribüne nach dem 2:2 von seiner Köpenicker Zuflucht berichtete. Aus Gründen der Verständlichkeit werden seine Aussagen hier klangfarblich überarbeitet wiedergeben: „Bei uns gibt’s keinen Druck. Wir wollen hoch, aber wir müssen nicht. Das ist eine andere Situation als in Hannover oder Stuttgart.“

Verein steht unter Druck

Keine Zwangsmaßnahmen gegen Spieler, es muss also kein Ethikrat eingreifen. Das ist schön. Aber ganz so fluffig ist die Situation nach nur einem Punkt aus den zurückliegenden drei Spielen doch nicht. Es ist der Verein selbst, der unter Druck steht. Denn den Aufstieg knapp zu verpassen, birgt Risiken.

Wirtschaftlich wäre es kein Problem – anders als in den von Trimmel erwähnten Klubs VfB Stuttgart und Hannover 96. Sportlich könnte das Verpassen der Beförderung aber einen deutlichen Rückschritt zur Folge haben. In den vergangenen vier Jahren wurde eine Truppe zusammengestellt, die gewachsen ist, die harmoniert: menschlich und sportlich. Dieses Team könnte nach dieser Saison von äußeren Mächten mit Finanzkraft aufgebrochen und der Kader gefleddert werden.

Union hat die bemerkenswerte Leistung vollbracht, seine Profisportsparte in der oberen Hälfte der Zweiten Liga festzusetzen, allerdings bislang noch etwas im Verborgenen zwischen Rang sechs und neun. Auftritte in dieser Saison wie beim DFB-Pokal-Aus in Dortmund und die Tabellenführerwerdung haben nun Aufmerksamkeit erregt, die Spieler haben sich für Höheres empfohlen. Allen voran Steven Skrzybski, Felix Kroos, Damir Kreilach und Toni Leistner (wenn er sich nicht wie in Düsseldorf am Mittelkreis an Hackentricks versucht). Lunge, Gehirn, Herz und Rückgrat zu verlieren, verkraftet kein Körper.

Die schlechten Vorbilder

Wie groß das aus einem knappen Nichtaufstieg resultierende Risiko ist, zeigen die Schicksale der Relegationsverlierer. Nürnberg (2016) und Fürth (2014) als derzeit Achter und Sechster stehen noch ordentlich da, hatten diese Saison aber nie Anschluss an die Aufstiegsplätze und haben momentan einen zweistelligen Rückstand. Karlsruhe (2015) als Tabellenletzter und Kaiserslautern (2013) als 13. droht gar die Drittklassigkeit. Wobei es Kaiserslautern – das zumindest ist ein Hoffnungsschimmer – nach ihrer verlorenen Relegation noch zweimal auf Rang vier schaffte, bevor man abstürzte. Der Vorjahresvierte St. Pauli übrigens ist derzeit Vorletzter. Es birgt Risiken, nur oben dran zu sein.

Ein Punkt ist ein Punkt. Die Zeiten, in denen in Köpenick so gegen den Abstieg gerechnet wurde, sind vorbei. Das Unentschieden in Düsseldorf fühlte sich nicht nur wegen des späten Ausgleichs wie eine Niederlage an: Dem einen gewonnenen standen zwei verlorene Punkte gegenüber. Denn die Konkurrenz in den anderen Stadien muss ja immer mitgedacht werden. Daher hat der eine Punkt aus den drei letzten Spielen eigentlich den Wert minus sieben: Aus vier Punkten Vorsprung auf Rang vier, sind drei Punkte Rückstand auf Platz eins geworden. „Wir müssen jetzt arbeiten und endlich wieder gewinnen“, sagte Trimmel.

Vor seiner Ankunft im Sommer 2014 gab es schon mal eine Punkteteilung in Düsseldorf, nach der Union zwei verlorenen Punkten hinterhertrauerte. Die Spieler hatten in der Rückrunde 2014 15 Endspiele um den Aufstieg ausgerufen, das in Düsseldorf war das zweite. Letztlich wurden nur zwei Finals gewonnen, man lief als Neunter ein, Trainer Uwe Neuhaus wurde nach sieben Jahren verabschiedet. Der Klub leitete damals einen Umbruch ein. Ein kleiner Schritt zurück für den großen Sprung nach vorne. So ein freiwilliger Umbruch ist stets besser als ein erzwungener, der nun droht, wenn die besten Spieler weggekauft werden. Geld macht nicht glücklich. Und Unioner schon mal gar nicht.

„Es wird weitergehen. Wir spielen noch gegen Stuttgart und Braunschweig“, informierte Torschütze Philipp Hosiner in Düsseldorf die Gäste aus seinem Heimatland, „da können wir Big Points landen.“ Weil in Duellen mit direkten Konkurrenten das, was der eine einsackt, dem anderen fehlt. Aus drei Zählern werden so sechs. Das ist das Verrückte an der weltweit gültigen Fußballarithmetik. Sollte es am Ende dennoch nicht reichen, müssten sich die Fans wohl vorübergehend daran gewöhnen, dass ein Punkt wieder ein Punkt ist. Einige würde das übrigens nicht stören. Das ist nicht nur aus Wiener Sicht das Irre bei Union.