Jacob Holm steht zurückhaltend vor dem Büro des Füchse-Coaches Velimir Petkovic, in dem ihn die Journalisten zum Interview erwarten. Der Andrang ist groß, schließlich wird von dem 24-jährigen Dänen erwartet, dass er nach dem Kreuzbandriss Simon Ernsts den freigewordenen Platz in der Rückraum-Achse mit Paul Drux und Fabian Wiede einnimmt.

Doch nicht nur das Interesse irritiert ihn sondern, sondern auch der Umstand, dass die Interviews in dem Arbeitsraum seines Cheftrainers stattfinden sollen, lenkt ihn kurz. Wobei das Wort Büro diesbezüglich den falschen Eindruck vermittelt. Es handelt sich vielmehr um eine Umkleidekabine mit einem Schreibtisch und ein paar Stühlen, in der man sich zusammengefunden hat, um die EHF-Cup-Auslosung via Laptop gemeinsam zu verfolgen.

Tränen in der Kabine

Nach ein wenig Zurückhaltung hat der Füchse-Profi einen Platz für sich gefunden und beantwortet genügsam, die Fragen, die sich zunächst einmal mit dem Ausfall Ernsts beschäftigen. „Ich habe das im Spiel und danach gar nicht richtig mitbekommen“, erzählt Holm. „Das ist einfach nur traurig und schwierig für die ganze Mannschaft.“

Ernst hatte seine Teamkameraden zunächst via Telefon informiert und am Dienstag persönlich einige Worte an die Mannschaft gerichtet. „Das war sehr ergreifend“, erzählt Petkovic, „als ich gesehen habe, dass einige Spieler weinen, hat mich das auch bewegt“.

Holm wirkt gleichermaßen mitgenommen. Dass er aus dem Schicksal seines Mitspielers Vorteile zieht, gibt seiner neuen Aufgabe einen Beigeschmack: „Ich finde gut, dass ich diese Verantwortung bekomme, dass es aufgrund von Simons Verletzung ist, ist natürlich tragisch.“

Große Last

Der Rückraum-Schütze ist jetzt mehr gefragt denn je. Obwohl, eigentlich ist ihm die Situation bekannt. Als der Däne im letzten Jahr zu den Füchsen kam, konnte er nicht wie geplant langsam an die Bundesliga herangeführt werden, sondern erhielt von Beginn an viele Spielanteile. Grund waren auch damals Verletzungen der Kollegen. Seitdem hat sich der 24-Jährige bestens in das System eingefügt und überzeugt durch Schnelligkeit, Torjägerqualitäten und Spielverständnis.

Diese Fähigkeiten werden in den kommenden Wochen noch mehr gefordert sein als sonst. Zwar ist die Vereinsleitung auf der Suche nach einem Spielmacher-Ersatz. Bis diese erfolgreich ist, müssen Holm und die Kollegen alleine den Ausfall kompensieren.

Dabei hat Holm gerade erst selbst eine Knieblessur überstanden. Durch schnelle Genesung gelang es ihm jedoch, bereits drei Wochen nach seiner Meniskus-Operation wieder aktiv zu werden. Mittlerweile sei der Zustand nicht optimal, aber „okay. Wenn ich nur im Angriff spiele, halte ich über sechzig Minuten durch“. Trotzdem will Petkovic nicht die ganze Last auf seinen Schultern ablegen. „Den Fokus nur auf Jacob zu richten wäre sicherlich falsch und zu optimistisch“, erklärt der Trainer. Wie schon so oft muss er die richtige Balance finden.

Viel Zeit bleibt nicht. Bereits am Sonntag erwartet die Füchse in Balingen die nächste Aufgabe in der Bundesliga. Dann wird Holm sicherlich weniger Zurückhaltung an den Tag legen als im Gespräch mit den Journalisten, sondern − wenngleich auch nur sinnbildlich − versuchen, die Türen der gegnerischen Abwehr einzurennen.