Berlin - Nach seinem grausamen Deja-vu nahm Joachim Löw bohrende Fragen mit in unruhige Ostertage. Die zart erblühte EM-Aufbruchsstimmung bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist durch den kollektiven Kollaps gegen Nordmazedonien zertrampelt. Wie nach dem 0:6 gegen Spanien im November kämpft Löw inmitten der Schreie nach Thomas Müller und Mats Hummels entsetzt um das Vertrauen in sein Team – und in sich selbst.

Löw will noch einmal alles überprüfen

„Wir dürfen nicht den Glauben verlieren“, sagte der „riesig enttäuschte“ Bundestrainer auf Zeit nach dem peinlichen 1:2 (0:1) in Duisburg fast flehend. Immer noch könne sein Kader zwar „eine gute EM“ spielen, die WM-Quali-Siege gegen Island (3:0) und Rumänien (1:0) „waren kein Trugbild“. Aber: „Wir werden uns in den nächsten Tagen und Wochen intensiv Gedanken machen. Wir werden noch einmal alles überprüfen.“

Zur Tiefen-Analyse, zum Herumreißen des Ruders gehört als Top 1 zwingend die drängendste Frage, die Löw zu Beginn und zum Abschluss seiner Pressekonferenz gestellt wurde. Müssen jetzt die aussortierten Weltmeister als Stützpfeiler zurückkehren? „Das ist aufgrund des einen Spiels nicht zu beantworten. Die Entscheidung fällt im Mai“, wehrte Löw ab.

RTL-Experte Uli Hoeneß präsentierte währenddessen live im Fernsehen seinen persönlichen Turnierkader, selbstverständlich mit Müller und Hummels. Nebenbei kritisierte er Löw für dessen krachend gescheiterten Taktik-Poker („ohne Not durcheinandergewürfelt“) und redete Millionen Fans aus dem Herzen: „Meine ganze Euphorie ist verflogen, ich bin ziemlich sprachlos.“ Kaum denkbar, dass Löw in einem Verein seinen Job behalten würde.

„Ich muss mir Gedanken machen, was wir besser machen können“, sagte der Bundestrainer zerknirscht, es erinnerte an die historische Spanien-Pleite oder das demütigende Vorrunden-Aus bei der WM in Russland 2018. „Ich verlasse die Mannschaft mit keinem guten Gefühl. Umso mehr tut es weh, dass zwei Monate nicht viel passieren wird“, sagte Ersatzkapitän Ilkay Gündogan. Bis 1. Juni muss Löw sein endgültiges Aufgebot nominiert haben – erst danach folgen die letzten EM-Tests gegen Dänemark (2. Juni) und Lettland (7. Juni).

Besonders ärgerte sich Löw darüber, dass er seinem noch nicht benannten Nachfolger kein bestelltes Feld hinterlassen wird. „Es war eine gute Basis – dass wir das aus der Hand gegeben haben, haben wir uns selbst eingebrockt“, sagte er. In der WM-Qualifikationsgruppe J liegt Deutschland auch wegen der am Mittwoch erschütternd offenen Abwehr nach drei Spieltagen hinter Armenien (9 Punkte) und den punktgleichen Nordmazedoniern (beide 6), die vor dem Stadion und in der Heimat wie wild eine Sensation feierten.

Timo Werner in Nordmazedonien zum „Ehrenbürger“ erhoben

Timo Werner verliehen sie dabei eine höchst zweifelhafte Auszeichnung. Nach der vergebenen „Jahrtausendchance“ (SZ) zum 2:1, die er kläglich verstolperte, wurde der glücklose Stürmer von mehreren Medien samt Personalausweis und Passfoto zum „Ehrenbürger“ erhoben. „Er macht sich selbst wahrscheinlich die größten Vorwürfe. Das war ein Knacks für die Mannschaft“, sagte Löw, der sich wohl schwertun wird, Werner weiterhin zu vertrauen.

14 Spieler um den mindestens sechs Profis starken Bayern-Block dürften ihren EM-Startplatz sicher haben. Um die weiteren neun Plätze wird es ein enormes Gedrängel von rund 20 mehr oder weniger heißen Kandidaten geben, mit prominenten Namen wie Marco Reus, Julian Brandt oder Julian Draxler als potenzielle Opfer.

Löw wird darüber in österlicher Einkehr brüten. Auf den Besuch des Bundesliga-Topspiels zwischen RB Leipzig und Bayern München am Sonnabend (18.30 Uhr/Sky) verzichtet er, erst beim Champions-League-Viertelfinale der Münchner gegen Paris St. Germain am 7. April will er wieder ins Stadion gehen.