Berlin - Die Kränkung der Bayern-Seele durch das Schock-Aus in der Champions League archivierte der frustrierte Julian Nagelsmann unter den bittersten Momenten seiner steilen Trainer-Karriere. Aufgewühlt vom verpassten Einzug ins Halbfinale gegen den gemeinhin als spanischen „Dorfverein“ stilisierten FC Villarreal wollte er offene Vertragsfragen etwa bei Weltfußballer Robert Lewandowski aber nicht als Ausrede gelten lassen. Nagelsmann versicherte, Lehren zu ziehen – was auch Vorstandschef Oliver Kahn am Morgen nach dem schmerzhaften K.o. ebenso wie eine intensive Aufarbeitung ankündigte.

Kahn wehrte sich nach dem schmerzlich verfehlten Königsklassen-Minimalziel gegen Jammer-Stimmung und kündigte schon mal den nächsten internationalen Angriff an. Angesichts der so gut wie sicheren Meisterschaft als letztem und einzigem Titel dieser Spielzeit zog Nagelsmann aber die Saisonbilanz selber schon vor. „Das ist für Bayern München, glaube ich, nicht ausreichend“, sagte der 34-Jährige, der am Mittwoch mit ernster Miene das Training leitete und nach der Einheit barfuß über den Rasen spazierte.

Rätselhafte Formschwankungen bei Müller, Kimmich und Gnabry

Den von rätselhaften Formschwankungen geplagten Stars wie Thomas Müller, Joshua Kimmich und Serge Gnabry bleibt ja nicht mal mehr der DFB-Pokal in der Titel-Hinterhand nach dem krachenden 0:5 im Oktober bei Borussia Mönchengladbach. Die nie da gewesene zehnte Meisterschaft in Serie bei neun Punkten Vorsprung auf Dauerrivale Borussia Dortmund pries Kahn umso mehr als „großartige Möglichkeit“.

Kein Triple, kein Double – die Bayern bleiben also nach dem Aus im Viertelfinale gegen den spanischen Europa-League-Sieger in dieser Saison nur Single. „Deswegen werden wir hier beim FC Bayern aber nicht in Tränen ausbrechen, sondern wir haben nächstes Jahr wieder die Möglichkeit und wir werden nächstes Jahr in der Champions League wieder angreifen“, versprach Kahn im Titan-Modus. Neben dem Prestige verspielten die Münchner aber auch für Investitionen wichtige 12,5 Millionen Euro aus dem Prämientopf der Europäischen Fußball-Union, die bei einem Weiterkommen geflossen wären.

Kahn nahm die Stars, die nach der makellosen Sechs-Siege-Gruppenphase schon als Titelfavorit gehandelt worden waren, nach dem 1:1 (0:0) in Schutz. „Mehr Einsatz und Wille als die Mannschaft gezeigt hat, geht kaum“, befand der frühere Weltklasse-Torwart. „Ich denke, man kann der Mannschaft alles andere als einen Vorwurf machen, sie hat alles reingehauen.“

Nur eben nicht im Hinspiel, als Nagelsmanns Team völlig indisponiert war. Nun im Rückspiel waren die Münchner drückend überlegen, es fehlte aber an Präzision und Finesse. Anstatt nach der Führung durch Topstürmer Lewandowski (52.) am Dienstagabend vor 70.000 Zuschauern nachzulegen, bestrafte der eingewechselte Samuel Chukwueze (88.) die in dieser Saison so hoch pressenden und dadurch konteranfälligen Bayern folgenschwer. „Es gehört sicherlich zu den drei bittersten Niederlagen“, ordnete Nagelsmann das Aus gegen im Rückspiel weitgehend harmlose Iberer in seinem persönlichen Trainer-Worst-of ein. Die anderen beiden? 2017/18 das Aus mit der TSG 1899 Hoffenheim in den Champions-League-Playoffs gegen Jürgen Klopps FC Liverpool (1:2, 2:4) und 2019/20 die Niederlage im Champions-League-Halbfinale (0:3) gegen die Glamour-Truppe von Paris Saint-Germain um Kylian Mbappé und Neymar.

Oliver Kahn kündigt „richtige Schlüsse“ an

Kahn kündigte am Mittwochmorgen an, „die richtigen Schlüsse“ aus dem verpassten Halbfinale ziehen zu wollen, „um die Weichen für die kommende Saison zu stellen“. Denn wie schon in der vergangenen Saison war wieder im Königsklassen-Viertelfinale Schluss. Damals war allerdings auch wegen der zu dieser Saison abgeschafften Auswärtstorregel und dem Ausfall von Lewandowski gegen PSG (2:3, 1:0) Endstation.

Nagelsmann ist sich dessen bewusst, dass aus dem Umfeld nun Kritik auf ihn einprasselt. Für Bayern-Verhältnisse noch zu oft sucht die Mannschaft die perfekte Balance aus Rausch und Rückzug. „Wenn man verliert und ausscheidet, dann ist es so“, sagte Nagelsmann über die Wucht, die ihm nun entgegenschlagen wird. „Angst habe ich aber nicht, da gibt’s Schlimmeres.“