Der Schuldige war schnell gefunden. „Zum Schiedsrichter möchte ich nichts sagen“, sprach Benjamin Kessel aussagekräftig in eine der Kameras, „um mir eine Strafe zu ersparen.“ Was er nur dachte, brüllten die Zuschauer lauthals heraus. Ihnen drohen ja keine Konsequenzen und so bedachten sie Schiedsrichter Sven Jablonski nach dem 1:1 (1:0) gegen Arminia Bielefeld mit allerlei Schmähungen. Wut aber wird den 1. FC Union nicht retten und die leichteste Erklärung ist meist weder die richtige noch die sachdienliche.

Emotionen lassen sich im Sport nur von dem nutzen, der sie kontrollieren kann. Besonnenheit zu wahren, ist schwierig im Stadion An der Alten Försterei, das einem emotionalen Durchlauferhitzer gleicht. Schnell kommt hier der Verdacht auf, dass die Mannschaft nicht nur den Gegner besiegen muss. „Ich habe den Spielern schon während des Spiels angemerkt, dass sie sich ungerecht behandelt gefühlt haben“, sagte Sascha Lewandowski später. „Irgendwann nimmt das überhand.“ Mehrfach hatte er sich zwischen seine Fußballer und den keineswegs parteiischen Schiedsrichter gestellt. „Ich habe versucht zu bremsen“, erklärte er.

Weiter hilft nur Selbstkritik

Dass der Trainer die Gefahr der emotionalen Überhitzung erkannt hat, ist ein Fortschritt. Sein Amtsvorgänger Norbert Düwel hat am Spielfeldrand zumeist in die Tiraden eingestimmt und den Eindruck der gefühlten Benachteiligung verstärkt: hier die wackeren Köpenicker, dort die fiese Fußballverschwörung. Weiter hilft jedoch nur Selbstkritik, auch wenn das nicht leicht fällt nach so einer Partie, in der die Mannschaft vieles richtig gemacht, aber wieder nicht gewonnen hat.

Vor allem in der ersten Hälfte überzeugten die Berliner. Die Defensive stand kompakt wie selten in dieser Saison und nach vorne nutzten sie die Räume, die ihnen die oftmals zu weit aufgerückten Bielefelder boten. Doch am Ende stand wie fast immer ein Unentschieden, weil Verteidiger Michael Parensen nach dem Seitenwechsel ein Kopfball von Bielefelds Manuel Hornig ans Knie sprang und von dort hinter die eigene Linie. „So ein Eiertor“, ärgerte sich Kessel.

Der Kapitän schleppte sich von Kamera zu Kamera, gekrümmt und außerstande, den linken Fuß zu belasten. Er hatte eine prima erste Hälfte gespielt und mit dem Führungstor nach einer Ecke gekrönt (32.). Bobby Wood zuvor (traf Latte und Pfosten) sowie Damir Kreilach danach (scheiterte am Torwart) verpassten weitere Möglichkeiten. Kessel selbst hätte per Kopfball (68.) die erneute Führung erzielen können, bevor er ausgewechselt wurde. „Weil ich einen fiesen Tritt auf die Achillessehne bekommen habe“, erklärte er. Der Schmerz strahlte von der stark angeschwollenen Ferse bis in den Oberschenkel aus und vermischte sich irgendwo mit dem tiefsitzenden Frust. „Heute freut sich keiner“, sagte er.

Nur einen Punkt vor dem Relegationsplatz

Nach 16 Spielen steht Union mit 17 Zählern einen Punkt vor dem Abstiegsrelegationsplatz. Das Trainerteam hat allen Grund, an der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zu zweifeln. Da haben sie vor dem Bielefeld-Spiel Rückpässe von der Grundlinie an den Strafraum geübt und dann kam in der 56. Minute prompt Stephan Fürstner, dem die Coaches mehr Torgefährlichkeit eingeredet haben, aus der eigenen Hälfte angeprescht. Steven Skrzybski, einer der strebsamsten Schüler, tat wie ihm geheißen, Fürstner zog direkt ab. Der Ball touchierte die Lattenunterkante, glitschig wie er aufgrund des Schneefalls war, sollte man meinen, dass er reinrutschte und Union den 2:1-Sieg bescherte. Falsch gedacht.

Zwei Stunden später hatten die Zuschauer das Stadion verlassen, es war ruhig. Der Weihnachtsbaum zwischen Forsthaus und Haupttribüne leuchtete. Da machte sich auch Sebastian Bönig auf den Heimweg. Der Assistenzcoach merkt sofort, wenn andere den Glauben verlieren, kaum einer trägt so viel positive Energie in sich wie der 34-Jährige. Das anstehende Spiel beim SC Freiburg sei doch genau das Richtige, sagt er. Da erwarte niemand einen Sieg. Den Tabellenführer das Spiel machen lassen und den Schiedsrichter seine Arbeit. Darin liegt Unions Chance.