Nach ein paar sehr langen Sekunden unheimlicher Stille entlud sich lauthals die Enttäuschung: Pfiffe, Buhrufe und Beschimpfungen der Fans des VfB Stuttgart schallten durch das Stadion, einige Unverbesserliche aus der Cannstatter Kurve drangen schließlich in den Innenraum ein und zeigten mit bedrohlichen Gesten in Richtung der Spieler. Die Ordnerzahl wurde deutlich erhöht. Die Profis näherten sich mit hängenden Köpfen der Kurve, blieben aber mit einigem Sicherheitsabstand stehen und drehten dann schließlich ab.

Das 2:2 gegen Union Berlin im ersten Relegationsspiel um die Zugehörigkeit zur Bundesliga fühlte sich für den VfB an wie eine Niederlage. Statt Zuversicht vor dem Rückspiel am Montag zu entfachen, ließ der Auftritt die Anhänger wütend, ratlos und skeptisch zurück. Beim VfB herrschte ein Vorgeschmack darauf, was passieren könnte, sollten die Spieler im Rückspiel diese so vermurkste Saison nicht doch noch mit dem Klassenerhalt irgendwie retten. Mario Gomez, ein Schwabe, der den Verein kennt, wie nur wenige, sagte: „Den Fans steht es bis zum Hals und uns steht es bis zum Hals. Dass da die Emotionen raus müssen, ist klar.“

Sie fühlen sich wie Boxer

Das Stadion unterstützte die Mannschaft zunächst mit großer Begeisterung, es waren tatsächlich „55 000 Signalspieler“ wie Trainer Nico Willig die Anhänger im Vorfeld genannt hatte. Am Ende aber machte die mangelhafte Leistung ihrer Elf viele wieder zu Bruddlern, die ihrer Verärgerung freien Lauf ließen. Nun lautet die Frage: Können sich Fans und Mannschaft für einen letzten Kraftakt zusammenraufen? Das Bild, das Willig wählte, passte ganz gut: „Wir fühlen uns jetzt wie ein Boxer, der eine abgekriegt hat.“

Willig ist nach Tayfun Korkut und Markus Weinzierl der dritte Trainer in dieser Saison, er kehrt nach Abschluss der Relegation wieder in den Nachwuchsbereich zurück. Ob er seinem Nachfolger Tim Walter, der von Holstein Kiel kommend ligaunabhängig ab Juli übernehmen wird, eine Erstligamannschaft hinterlässt, ist seit Montag offener denn je. Zweimal verspielte die Elf eine Führung und musste sich bei Ron-Robert-Zieler bedanken, der mit zwei starken Paraden in der Schlussphase das Remis rettete.

Die Berliner wirkten wie eine Mannschaft, der VfB tut das schon die ganze Saison nicht. Es gibt eine Fraktion älterer Profis wie Christian Gentner, Gonzalo Castro oder Gomez, die ihre besten Zeiten hinter sich haben, und einige Talente wie Donis und Gonzalez im Angriff oder Marc-Oliver Kempf und Ozan Kabak in der Abwehr, die noch nicht reif genug sind. Im Zusammenspiel wirkt vieles schlicht unharmonisch, so als passten die Typen nicht zusammen. Auch das war ja ein Vorwurf, der im Februar Sportvorstand Michael Reschke schließlich den Job kostete.

Plakate gegen Präsident Wolfgang Dietrich

Am Donnerstag war Reschkes Nachfolger Thomas Hitzlsperger einhundert Tage im Amt, der ehemalige Nationalspieler hat sich ein anderes Jubiläumsergebnis gewünscht. Es herrscht Untergangsstimmung vor dem Spiel in der Alten Försterei. Die Fans hissten wieder ihre Plakate gegen Präsident Wolfgang Dietrich („Dietrich raus“).

Die Erwartung bei Verantwortlichen, Spielern und Fans war gegen Union größer als die reale Leistungskraft dieser Mannschaft. Und dennoch: Es ist erst ein Spiel gespielt und vielleicht tut sich diese Auswahl ja auswärts leichter. Unions Trainer Urs Fischer gab dann auch zu, dass eine zu große Euphorie „auch ein Problem“ für seine Elf werden könne.