Berlin - Die sonnigen Bilder vom Chuenisbärgli vom Sonntag taugten nur kurz dazu, die schlimmen Szenen, die es dort tags zuvor dort zu sehen gab, zu verdrängen. Sie zeigten auch, dass die Show im Profisport immer wieder weitergeht. Neues Rennen, neues Glück. Der deutsche Skirennfahrer Linus Straßer jedenfalls streckte am Sonntagnachmittag im Ziel strahlend den Zeigefinger nach oben. Der 28-Jährige wusste sofort, dass ihm in Adelboden erneut ein Traumlauf gelungen war. Und tatsächlich: Vier Tage nach seinem Triumph von Zagreb setzte der Münchner auch beim Slalom-Klassiker in der Schweiz ein Ausrufezeichen. Nach einer famosen Aufholjagd verbesserte sich Straßer vom zwölften auf den zweiten Rang. Nur der Österreicher Marco Schwarz war schneller.

„Das war unerwartet, ich habe mich nicht grandios gefühlt. Es war mehr ein Arbeitserfolg, aber ich habe es durchgezogen, von daher bin auch zufrieden“, sagte Straßer nach seinem Lieblingsrennen: „Das Hundertstel-Glück war definitiv auf meiner Seite, es war unglaublich eng.“ 0,14 Sekunden fehlten auf Schwarz, der Brite Dave Ryding lag als Dritter nur 0,01 Sekunden zurück. Für Straßer war es im Spezialslalom das zweite Podium in Serie. 

Straßer ist ein Medaillen-Anwärter für die WM

Erneut zeigte er vor allem im zweiten Lauf seine Klasse, nachdem er in Zagreb von Rang acht nach ganz oben gestürmt war. In Adelboden fehlten nach Durchgang eins bereits 0,69 Sekunden auf das Podium, doch Straßer zeigte sich unbeeindruckt. Für die WM im Februar zählt er in dieser Form zu den Medaillen-Anwärtern, doch erst einmal stehen im Januar noch vier Slaloms auf dem Programm.

Es war ein spannender Abschluss der Rennen am Chuenisbärgli, die am Sonnabend beim Riesenslalom von einem schweren Sturz des Amerikaners Tommy Ford überschattet wurden: Der Anblick war furchtbar. Ford lag am Rand der Piste, den Kopf zur Seite gedreht, einen Arm nach hinten verkrümmt, die Beine noch im Fangnetz. Er bewegte sich nicht. Helfer eilten herbei und begannen, sich um den Skirennfahrer aus den USA zu kümmern. Nach bangen Stunden gab es am Abend immerhin erste gute Nachrichten.

„Tommy Fords Kopf- und Nackenverletzungen sind nicht schwerwiegend und entwickeln sich gut. Er hat noch eine Knieverletzung, die weiter untersucht wird“, twitterte der US-Skiverband. Die Erleichterung über dieses erste Bulletin war groß. „Wir denken alle an dich“, schrieb die frühere amerikanische Alpin-Dominatorin Lindsey Vonn in den sozialen Medien und wünschte gute Besserung. In das kollektive Aufatmen mischte sich aber auch Ärger darüber, dass es überhaupt zu derart schweren Unfällen bei den Riesenslaloms am Freitag und Sonnabend gekommen war.

Am ersten Renntag auf dem schwierigen Chuenisbärgli-Hang in der Schweiz hatten sich bereits die norwegischen Youngster Lucas Braathen und Atle Lie McGrath verletzt, deren WM-Saison vorzeitig zu Ende ist. Auch bei Ford geht niemand mehr von einem Comeback in diesem Winter aus.

Kritik an der Kurssetzung

Von einer „komplett kopflosen“ Kurssetzung sprach Norwegens Henrik Kristoffersen im Sender TV2. Er kritisierte, dass die Fahrer deshalb extrem schnell wurden, und das just in einem so steilen Abschnitt wie dem berüchtigten Schlusshang von Adelboden. „Wenn der Schnee dann noch so aggressiv ist, ist das lebensgefährlich“, fand Kristoffersen. „Das ist echt eine Schande, weil es unnötig ist.“ Den Riesenslalom könne man so gleich in Super-G umtaufen, schimpfte er.

Der erfahrene Ford hatte in vollem Speed eines der letzten Tore des Kurses nicht mehr erwischt. Er strauchelte, kam zu Fall, überschlug sich, schlitterte auf Kopf und Nacken über den Schnee, krachte dann noch gegen zwei Pistenarbeiter und blieb neben der Strecke liegen.

Abtransport mit dem Helikopter

Durch den Aufprall auf den Kopf dürfte der 31-Jährige das Bewusstsein verloren haben. Als er nach einer fast halbstündigen Behandlung am Unfallort in einen Rettungsschlitten gelegt und danach von einem Helikopter weggeflogen wurde, konnte er aber mit Helfern reden, wie das US-Team mitteilte.

Der sportliche Wettkampf und die beiden Siege des französischen Weltcup-Gesamtführenden Alexis Pinturault gerieten angesichts des Vorfalls ebenfalls in den Hintergrund. Stefan Luitz fehlte verletzt. Er schrieb bei Instagram: „Es ist hart, die Rennen zu Hause zu gucken. Aber es ist noch schlimmer, die Jungs so stürzen zu sehen.“