Kiew - In Kiew fahren Doppeldeckerbusse, in denen der Tourist binnen einer Stunde die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der ukrainischen Hauptstadt abklappern kann. Die Tour startet am großen Unabhängigkeitsplatz, führt an der „roten“ Universität, dem goldenen Tor und der Sophien-Kathedrale vorbei – und irgendwann auch am Olympiastadion, einem 70000 Zuschauer fassenden Koloss aus Stahl und Glas, in dem am 1. Juli das EM-Finale ausgetragen wird.

Höhe der Kosten unklar

Die Stimme vom Band sagt während des Blicks auf das vom Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (GMP) entworfene neue Antlitz der alten Schüssel: „Das Stadion war sehr teuer und hat Hunderte Millionen gekostet.“ Die genauen Kosten des Umbaus kennt niemand. Von 585 Millionen Euro ist die Rede. Boris Kolesnikow, der EM-Beauftragte der ukrainischen Regierung, sprach kürzlich von 800 Millionen – für alle vier ukrainischen Stadien in Kiew, Charkow, Donezk und Lemberg. Die Zeitung Kyivpost hat hingegen doppelt so hohe Investitionen errechnet. Strittig bleibt, was aus den Schmuckstücken wird. Das aufgepeppte Areal ums Olympiastadion soll Teil eines Veranstaltungszentrums werden. Im Stadion selbst soll der im nicht überdachten Walerij-Lobanowski-Stadion beheimatete Hauptstadtklub Dynamo einige seiner Spiele bestreiten. Doch weil der ehemalige Stabhochspringer Sergej Bubka als Chef des Nationalen Olympischen Komitees darauf drängte, dass auch nach der Modernisierung eine ausladende Leichtathletik-Laufbahn den Zuschauer vom Geschehen fernhält, sind weder die Fußballer noch die Fans von der Atmosphäre im weitläufigen Oval wirklich angetan.

Anders stellt sich die Situation in Charkow dar, wo der Oligarch Alexander Jaroslawski das Metalist-Stadion (38000 Plätze) für den gleichnamigen Erstligisten umbauen ließ. Oder in Donezk, wo die Donbass-Arena (51000) als Vorzeigeobjekt des Multimilliardärs Rinat Achmetov dient. Der angeblich reichste Mann im Lande findet, das Fünf-Sterne-Schmuckstück, dessen Form an einen geschliffenen Edelstein erinnert, sei für den ukrainischen Meister Schachtjor Donezk gerade gut genug. Die Region ist fußballbegeistert, weshalb der Stadionbau dort tatsächlich sinnvoller ist als etwa in Lemberg.

Die Zukunft? Ungewiss

Es ist unklar, wie die Lwiw-Arena (34000) demnächst gefüllt werden soll. Hauptproblem für das abseits der Stadt platzierte Stadion: Erstligist Karpaty will gar nicht dort spielen. „Wir sind in Verhandlungen, wir würden sogar das Marketing für sie übernehmen“, sagt Oleg Sassadnij, der EM-Beauftragte der Stadt. Bis zum Jahresende tritt Aufsteiger Sakarpatje Uschgorod im modernen Zweckbau an. Die weitere Zukunft? Ungewiss.

Ähnlich schwierig stellt sich die Situation in Polen dar: Das Warschauer Nationalstadion (58000) ist ausdrücklich für keinen Verein errichtet worden, „sondern die Polen wollten ein Stadion als patriotische Selbstdarstellung ihres Landes“, sagt GMP-Mitgründer Volkwin Marg. Klingt gut, aber die Stadionspezialisten aus Hamburg müssen sich ja auch nicht um die nachhaltige Nutzung solcher Prestigebauten kümmern. Schön sieht auch der monumentale Bernstein aus, der in Danzig schimmert: Die multifunktional konzipierte PGE-Arena (44000) zog am Freitag beim Viertelfinale der Deutschen gegen Griechenland die Massen an – im späteren Alltag, bei Spielen des Fußballklubs Lechia Danzig, wird das eher nicht mehr geschehen.

Dasselbe Dilemma droht dem städtischen Stadion Breslau (42 000), in dem künftig der polnische Meister Slask Breslau antreten wird. Es ist für das Zuschaueraufkommen in der polnischen Liga heillos überdimensioniert. Auch das Stadion Miejeski in Posen (40900) wird im Ligabetrieb selten ausverkauft sein – selbst wenn droht gleich zwei Erstligisten – Lech und Warta – eine neue Heimat gefunden haben. Zur Eröffnung hatte Popstar Sting ein Konzert gegeben und für Stimmung gesorgt. Die Erinnerungen an solche Highlights könnten schnell verblassen. (mit sid)