London - Man könnte über Vorhand und Rückhand reden, über fehlende Sicherheit beim Aufschlag und das Problem, wie aus einer kleinen Sammlung von Fehlern in letzter Zeit fast zwangsläufig große entstehen. Und wie diese Fehler am Ende zu vermeidbaren Niederlagen führen. Wie in jenem Spiel, das Alexander Zverev am Montagnachmittag in der ersten Runde der All England Championships gegen den Tschechen Jiri Vesely vom Weltranglistenplatz 108 verlor. Aber das Spiel ist der kleinere Teil eines Problems, zum größeren gehört der ganze Rest. „Die letzten beiden Tage hier waren sehr hart“, erklärte Alexander Zverev nach seiner 14. Niederlage in diesem Jahr. „Aber das ist grad mein Leben, was hier passiert.“

Ein Leben, in dem es offenbar auf zu vielen Ebenen zu heftig kracht. Immer noch und immer wieder. Als Zverev vor gut drei Monaten in Miami berichtete, er befinde sich in einem Rechtsstreit mit seinem früheren Manager Patricio Apey, hatte er vermutlich noch keine Ahnung, was aus dieser Geschichte werden würde. Wie sie überhaupt angefangen hat? „Der Anfang war, als ich die World-Tour-Finals in London gewonnen hab.“ Ausgerechnet der bisher größte Erfolg seiner Karriere im November vergangenen Jahres als Ausgangspunkt, nicht leicht zu begreifen, oder? Die Antwort klingt ein wenig kryptisch: „Nach dem Erfolg kommt seine Arbeit, und da kommen viele Dinge dann raus.“

Verletzte Gefühle

Aber es geht vermutlich nicht nur um Geld. Nicht zu übersehen ist, dass auf beiden Seiten auch verletzte Gefühle im Spiel sind. Apey hatte damals im März in einer Mitteilung geschrieben, er sei schockiert, enttäuscht und traurig, dass Zverev und dessen Familie nicht versucht hätten, auf einem privaten Weg eine Lösung zu finden, sondern stattdessen ohne jede Warnung vor Gericht gezogen seien. Er hatte den hoffnungsvollen Junior übernommen, als der 15 war, und im Laufe der Jahre war eine Verbindung entstanden, die beide Seiten wohl als freundschaftlich betrachteten. Inzwischen sind die Parteien gleichermaßen fassungslos über die Reaktionen der Gegenseite. „Er versucht jetzt halt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen“, sagt Zverev. „Ich darf nichts Offizielles sagen, aber das ist einfach abartig, das können Sie sich nicht vorstellen.“

Aber es gibt ja nicht nur diesen Streit und juristische Fragen, sondern auch eine Vakanz, die sein Leben belastet. Wenn ein Spitzenspieler wie Zverev, der zu den Besten der Welt gehört, sämtliche Termine und Anfragen selbst koordinieren muss, weil der frühere Manager nicht mehr im Amt ist und ein neuer nicht an Bord ist oder sein darf, dann kann man sich vorstellen, wie viel Zeit dabei draufgeht. Schwer zu sagen im Moment, wie lange es so weitergehen wird. „Das hängt viel von anderen Sachen ab“, sagt Zverev, „ich bin sehr wütend darüber.“

Zwei Trainer sind zu viel

Doch auch intern läuft es nicht so richtig rund. Im August vergangenen Jahres holte Deutschlands bester Tennisspieler als zweiten Trainer neben seinem Vater Alexander senior Altmeister Ivan Lendl ins Team. Seither werden beide unter der Rubrik Coach geführt, doch es wird immer deutlicher, dass die Zusammenarbeit nicht wie gewünscht funktioniert. Bei den French Open in Paris wurde Zverev vom Vater betreut, Lendl war angeblich wegen einer Pollen-Allergie zu Hause geblieben. In Wimbledon fehlt Vater Zverev, offizielle Begründung: Er wolle sich erholen und sei derzeit in Hamburg.

Das Ganze hat mit erbaulichem Miteinander wohl nicht allzu viel zu tun, und mittendrin steht Zverev, der vielleicht längst spürt, dass er eine Entscheidung treffen muss, aber nicht weiß, wie er das machen soll. Soll er sich von Lendl trennen, der wenig Interesse zeigt, ihn während des ganzen Jahres zu begleiten? Oder, was deutlich schwieriger wäre: Soll er seinen Vater überzeugen, dass es an der Zeit sein könnte, nur noch Vater und Sohn zu sein, aber nicht mehr Trainer und Spieler?

Auch diese Geschichte belastet ihn, keine Frage, deshalb geht es im Moment um mehr als Doppelfehler, vergebene Breakchancen und eine nach wie vor nicht überzeugende Bilanz bei Grand-Slam-Turnieren. Bevor er sich nach der Niederlage in der ersten Runde mit unbekanntem Ziel aus Wimbledon verabschiedete, sagte Zverev: „Das ist kein einfaches Jahr für mich. Ich werde versuchen, das zu ändern. Aber alle großen Champions haben solche Jahre, und ich denke, dass ich da rauskommen werde.“ Er ist 22 Jahre alt und die Nummer fünf der Welt, und so sieht sein Leben dieser Tage aus.