Die Ausschreitungen beim Derby der Fußball-Bundesliga zwischen Union Berlin und Hertha BSC (1:0) könnten drastische Strafen zur Folge haben. „Wir wollen die Linie der Geldstrafen beibehalten, wann immer es vertretbar ist“, sagt Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, dem Magazin kicker. In gravierenden Fällen könne aber auch weiterhin auf den Teilausschluss oder Totalausschluss zurückgegriffen werden, sagt er. Die Austragung von Geisterspielen ist also möglich.

Bei den Vorfällen am Sonnabend in Köpenick wurden drei Personen verletzt. Ein Union-Fan sowie ein Polizist kamen durch aus dem Gästeblock abgefeuerte Leuchtraketen zu Schaden. Nach dem Spiel kletterten Unioner in den Innenraum. Ein Platzsturm wurde durch den Einsatz der Spieler verhindert. „Diese Bilder will kein Verein sehen“, sagt Max Jung, Mediendirektor bei Hertha. Man werde nun wie vom DFB aufgefordert Stellungnahmen abgeben. Strafen werde man versuchen, an die Einzeltäter weiterzugeben. Unions Sprecher Christian Arbeit findet: „Kollektivstrafen aufbrummen und alle raus – ist das die Lösung? Bestimmt nicht!“
Der Fall liegt beim DFB-Kontrollausschuss. „Es geht hier nicht um eine kleine Geschichte“, sagt ein DFB-Richter der Berliner Zeitung. Der Strafenkatalog des DFB schreibt vor: 1.000 Euro pro pyrotechnischen Gegenstand im Block, 3.000 Euro für Pyro außerhalb. Die gleiche Summe muss bezahlt werden, wenn eine Person in den Innenraum drängt.

Hertha und Union: 974 Fans der Vereine werden als „gewaltbereit“ und 256 als „gewaltsuchend“ eingestuft

Erschwerend kommt für die DFB-Justiziare hinzu, dass Union und Hertha in deren Augen Wiederholungstäter sind. 56.800 Euro musste Union im Sommer zahlen, weil beim Aufstiegstrubel die Fans den Rasen gestürmt hatten und eine Feuerwerksrakete im Gästeblock landete. Zwischen Herthanern und der Polizei kam es vor einem Jahr zu heftigen Ausschreitungen bei einem Gastspiel in Dortmund.

Nach einer Statistik der Polizei werden gegenwärtig 974 Fans beider Vereine als „gewaltbereit“ und 256 als „gewaltsuchend“ eingestuft. Die meisten gewalttätigen Fans gebe es bei Hertha, so die Spezialisten des Landeskriminalamtes. 412 gehören zur Kategorie B und 61 zur Kategorie C. Bei Union sollen es 342 gewaltbereite Anhänger sein und 55 gewaltsuchende – alle namentlich bekannt.

Union-Sprecher: „Kein Ordner ist verpflichtet, sich zusammenschlagen zu lassen“

Derweil laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. 18 Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung, Landfriedensbruchs sowie Verstößen gegen das Versammlungs-, Waffen- und Sprengstoffgesetz wurden eingeleitet. Zudem wurden sieben weitere Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruchs und Zusammenrottung eingeleitet. Die Ermittler sind zurzeit dabei, die Aufnahmen der Überwachungskameras auszuwerten.
Wesentlich bei ihren Ermittlungen sei die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass eine Einlasskontrolle am Stadion von mehreren Union-Fans überfallen wurde, um unkontrolliert in die Sportstätte zu gelangen, sagt ein Beamter. Union-Sprecher Arbeit sagt dazu: „Kein Ordner ist verpflichtet, sich zusammenschlagen zu lassen.“

Wie kann der Pyro-Wahnsinn gestoppt werden? „Das ist das Thema, an dem wir uns alle Woche für Woche abarbeiten“, sagt Arbeit. Hauptproblem sind die Raketen, die „Clips“ genannt werden und die Größe eines Kugelschreibers haben. Sie werden bei Kontrollen oft übersehen. Ein Sicherheitschef eines Fußball-Bundesligisten, der anonym bleiben will, sagt: „Eine Identifikation der Übeltäter ist für uns oft ausgeschlossen. Wir tun alles dafür. Die Täter ziehen sich im Block aber unter Fahnen komplett um, tauschen ihre Klamotten. Es gibt kaum eine Chance für uns, sie einwandfrei rauszupicken.“

Weniger gefährlich: Wäre „kalte Pyro“ eine Alternative?

In Dänemark kommt „kalte Pyro“ zum Einsatz. Der Unterschied: Die Feuer werden 230 statt 2.000 Grad heiß. Hautverbrennungen kann es aber bei direktem Kontakt ebenfalls geben. Das Risiko für Verletzungen ist aber viel kleiner als bei herkömmlicher Pyro. Fanvertreter von Bundesligavereinen waren bereits in Skandinavien und informierten sich darüber. Der Sicherheitschef: „Eine mögliche Lösung.“ Aber: „Der Reiz liegt immer im Verbotenen.“