Berlin - Sie werden viele sein, sehr viele. So stellt sich Sven Marx das jedenfalls vor: Sie fahren vom Brandenburger Tor über die Straße des 17. Juni, einmal um die Siegessäule herum und wieder zurück. Er selbst wird ganz vorne sein auf seinem Fahrrad, dahinter folgen Rollstuhlfahrer, aufgereiht in breiter Front, ein langer Demonstrationszug. 

Genauso wünscht sich Sven Marx den Start seiner Weltreise am kommenden Sonntag. „Inklusion braucht Aktion“ ist sie überschrieben. 18 Monate lang will er mit seinem Fahrrad unterwegs sein. Über 29.000 Kilometer und über fünf Kontinente transportiert er eine Fackel: die Inklusionsfackel eines Netzwerks von Vereinen, Symbol seines Kampfes, für den er mit der Tour Spenden sammelt und den er nicht alleine kämpft.

Die Fackel war bereits in Rio und auf dem Kilimandscharo, am Nordkap und beim Papst. Der hat sie gesegnet. Auch so eine Aktion für die Gleichstellung von Behinderten.

Es blubbert, während Marx davon erzählt. Der 49-Jährige hat als Treffpunkt eine Shisha-Bar an der Schönhauser Allee vorgeschlagen, aus Gewohnheit. Marx war Tauchlehrer in Ägypten, wo zu Tee und Geschichten gern eine Wasserpfeife gereicht wird. Seine Geschichte ist sehr bewegend. Sie begann mit Sehstörungen.

Diagnose Hautkrebs

Es war 2009 in Ägypten. Wenn Marx zur Seite blickte, lieferte ein Auge das gewohnte Bild. „Das andere hat einzelne Bilder produziert, wie mit dem Fotoapparat geschossen.“ Er wurde mehrmals ohnmächtig, flog nach Berlin, um sich untersuchen zu lassen. Die Diagnose: Tumor am Hirnstamm.

Er wurde operiert, wobei nur ein Teil des Tumors entfernt werden konnte. Drei Mal mussten sie ihn wiederbeleben. Es traten Komplikationen auf, es kam zu einer Einblutung ins Gehirn. „Ich war halbseitig gelähmt.“

Er zog sich auch noch eine Lungenentzündung zu. „Ich konnte nicht mehr selbstständig atmen, nicht mehr die Augen schließen.“ Die Ärzte auf der Intensivstation erklärten ihn zum Pflegefall.

Sven Marx jedoch fand sich mit der Diagnose nicht ab. Er kämpfte, unter Schmerzen, kämpfte sich zurück ins Leben. In der Reha musste er wieder sitzen lernen. Irgendwann saß er im Rollstuhl. Die Lähmung ließ nach. Er begann, Fahrrad zu fahren. Die erste Tour führte über 7,4 Kilometer von Weißensee zum Brandenburger Tor. „Ich konnte mich durch die Stadt bewegen.“ Es fühlte sich wie ein Triumph an.

Doch der nächste Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten, die Diagnose diesmal: Hautkrebs im Gesicht. Wieder Operation, wieder Kampf, wieder Comeback. Die Strecken auf dem Rad wurden länger.

Durch Russlands Steppe 

Er fuhr nach Usedom, nach Ägypten zu den Pyramiden, durch die Steppe Russlands, durch die Sierra Nevada. Inzwischen lebt er wieder normal, sagt Marx. „Manchmal spinnt mein linkes Bein ein bisschen.“ Und sein Blickfeld ist eingeschränkt.

Irgendwann reifte in ihm die Idee mit der Weltreise. Er hatte von der Inklusionsfackel gehört. Die Karower Dachse brachten ihn drauf. Der Sportverein betreibt Inklusion, Integration von Behinderten.

Marx arrangiert für seine Wasserpfeife die Kohlen neu. Gerade hat er am Handy letzte Absprachen für einen Vortrag getroffen. In einem Kino an der Blissestraße wird er ihn halten: „Vom Pflegefall zum Globetrotter“.

Das Geld für seine Touren bringt er selbst auf, dank einer Berufsunfähigkeitsrente und eben durch die Vorträge. Einen Teil der Einnahmen stiftet er für soziale Projekte. Da in den nächsten Monaten die Vorträge ausfallen, treibt Marx das Geld per Crowdfunding auf. Er sagt: „Es wäre ja ein schlechtes Signal, wenn ich mitsamt Inklusionsfackel die Tour abbrechen müsste.“

 Marx will Zeichen setzen. Und helfen. Für Oktober zum Beispiel plant er eine Aktion. Dann müsste er in Japan sein, dort will er Geld für die gefahrenen Kilometer sammeln. „Über meine Homepage sven-globetrotter.com“, sagt er.

Die Spenden sollen an Schulkinder in Rumänien gehen. Fünf von ihnen könnten nun studieren, aber es fehlt das Geld für die Busfahrten zur Uni nach Cluj.

Es gilt das Zwiebelprinzip

Eine U-Bahn rumpelt über das Viadukt der Schönhauser Allee, Marx zieht an der Wasserpfeife, dann beantwortet er die Frage, die ihm alle stellen, wenn er von seinen Reisen erzählt: „Was nimmst du mit?“ Marx zählt auf: „Einen Tablet Computer und eine Kamera, um meine Reise zu dokumentieren. Ein Paar Schuhe, Handschuhe. Bei der Kleidung gilt das Zwiebelprinzip.“

Drei T-Shirts packt Marx ein, eine kurze Hose, die weit genug ist, um sie über seine lange Hose zu ziehen. Dazu kommen ein Hemd, ein Sweatshirt, eine dicke und eine dünne Jacke. „Minus 15 Grad schaffe ich damit“, sagt er. Kälter wird es auf der Reise wohl nicht.

Die Kleidung ist schwarz. „Das habe ich von den Beduinen gelernt“, sagt Marx: „Wer Schwarz trägt, schwitzt, der Schweiß kühlt.“ Außerdem sieht man den Staub nicht so schnell. Gewaschen wird per Hand alle drei bis vier Tage.

Wenn es geht, im Hotel. Wenn er nicht im Hotel übernachtet, dann im Zelt. Das schnallt er auf den Gepäckträger. Zwei Satteltaschen vorn, zwei hinten, 45 Kilogramm inklusive Rad. „Das reicht.“

Gegessen wird, was Lebensmittelgeschäfte auf der Strecke anbieten. „Ich ernähre mich vor allem von Schokokeksen, Trockenobst, Nüssen.“ Ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln gibt ihm ein Pulver mit. „Die haben mein Blut untersucht und das Mittel auf meine Bedürfnisse zugeschnitten.“

Wasser kauft er unterwegs. Mit einem Röhrchen, in dem Filter stecken, „kann ich sogar aus Pfützen trinken“. Seine Reiseapotheke enthält ein Mittel gegen Malaria. „Sonst bin ich gegen alles geimpft. Vier Termine im Tropeninstitut, 1000 Euro.“

Fliegen beißen, Affen stehlen

Wilde Tiere fürchtet Marx nicht. Er hat das russischen Journalisten einmal so erklärt: „Die wollten wissen, ob ich Angst vor Bären in ihrer Region habe. Da habe ich gefragt, ob die in ihrem Leben jemals einem Bären begegnet sind. Die sagten: ,Nee’. Ich sagte: ,Sehen Sie’.“

Die Gefahren liegen oft im Kleinen. Marx trägt eine Sonnenmütze, in die ein Netz integriert ist. „Kann man übers Gesicht ziehen. In Russland gibt es winzige Fliegen, die kriechen überall rein. Und die beißen, die Viecher.“ So wie jene Giftschlangen, die in der Sierra Nevada Höhlen von Erdmännchen als Versteck nutzen. „Wenn man am Wegrand mal austritt, schnappen die zu.“

Die Affen in Thailand stehlen. Sorge, von Menschen überfallen zu werden, hat Marx dagegen nicht. „Wer Rad fährt, gilt auf der Welt meistens als arm.“

Marx will sich Zeit nehmen für seine Tour. 130, 140 Kilometer fährt er am Tag, im Gebirge werden es nur um die 80 sein. „Ich mache ja keinen Sport, ich reise.“

Die Frau kommt zu Besuch

Seine Frau wird ihn dreimal in den 18 Monaten besuchen. In Finnland, in Thailand und in den USA, von wo aus sie zum Urlaub nach Kuba aufbrechen. Die Frau bringt Ersatzteile mit, falls nötig. Werkzeug hat Marx ja im Gepäck. Auch kleineres Zubehör wie Bremsbelege oder Bowdenzüge.

Wenn alles gutgeht, ist Marx im Sommer 2018 wieder in Berlin. Vielleicht fährt er zum Brandenburger Tor. Dorthin, wo sein Weg zurück ins Leben begann. Und seine Weltreise. Vielleicht fährt er mit dem Fahrrad.

„Falls ich das dann noch sehen kann.“ Marx lacht. Dass ihm sein Rad einmal über sein wird, erscheint ihm eher unwahrscheinlich.