Nach Ausschreitungen im Fußball: Polizei in NRW verhaftet Nizza-Randalierer

Die Gewalt im Fußball nimmt nach Ansicht von Experten zu. Die jüngsten Krawalle nähren die Angst vor dramatischen Folgen. Jetzt greifen die Behörden durch.

Nach den schweren Ausschreitungen in Nizza hat die Polizei am Mittwoch in Köln Randalierer verhaftet.
Nach den schweren Ausschreitungen in Nizza hat die Polizei am Mittwoch in Köln Randalierer verhaftet.dpa

Die Beamten schlugen im Morgengrauen zu. In einer groß angelegten Aktion hat die Polizei am Mittwoch Haftbefehle gegen fünf mutmaßliche Tatbeteiligte an den Fan-Krawallen beim Europacup-Spiel des 1. FC Köln bei OGC Nizza vollstreckt. Bei der Aktion durchsuchten mehrere Hundert Ermittler mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei die Wohnungen und Häuser von insgesamt 16 identifizierten Tatverdächtigen in Köln, Hürth, Pulheim und Bergisch Gladbach.

Er sei froh, „dass Polizei und Staatsanwaltschaft konsequent ermittelt haben und in kurzer Zeit mehrere Gewalttäter identifizieren und festnehmen konnten“, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul. Die Bilder von den Ausschreitungen am 8. September, bei denen es viele Verletzte gab, seien entsetzlich gewesen. „Offenbar haben diese Leute nur eines im Sinn: Randale, Krawall und Gewalt. Mit Fußball oder Fan-Kultur hat das nichts zu tun“, sagte der CDU-Politiker.

Experten beobachten seit längerer Zeit eine erhöhte Gewaltbereitschaft

Das energische Vorgehen der Behörden bezog sich zwar direkt auf die Krawalle beim Conference-League-Spiel des Kölner Bundesligisten in Nizza, darf aber auch als deutliches Zeichen in der Debatte um die generell zunehmende Gewalt im Fußball gewertet werden. Experten beobachten in der aktiven Fanszene der Vereine seit längerer Zeit eine erhöhte Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und befürchten eine weitere Eskalation.

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, warnte jüngst im Kölner Stadt-Anzeiger vor dramatischen Konsequenzen dieser Entwicklung. „Die Grenzüberschreitungen nehmen zu, die Vereine ziehen sich zurück und tun kaum etwas gegen gewaltbereite Fans. Wenn sich nicht bald etwas ändert, dann könnte es Tote geben.“

Ähnliche Ängste äußerte Eintracht Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann nach den Krawallen beim Champions-League-Spiel der Hessen bei Olympique Marseille, bei dem sich Fans beider Teams gegenseitig mit Pyrotechnik beschossen hatten. Dabei war ein Eintracht-Anhänger von einer Rakete am Hals getroffen und schwer verletzt worden.

„Die Frage ist: Wo ist die Grenze und wann es eine Umkehr gibt. Muss es erst einen Toten geben, damit man die Dinge anders bewertet?“, sagte Hellmann unlängst auf der Mitgliederversammlung des Vereins und mahnte: „Wenn die Zukunft im Profifußball die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf den Straßen, im Stadion und in den Blöcken und das wechselseitige Beschießen von Menschen mit Pyrotechnik sind, dann sind wir auf einem absurden Irrweg.“

In Bayreuth verletzen Dresdner 14 Polizisten

Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt, beobachtet die Zunahme von Exzessen ebenfalls mit großer Sorge. Die Dimension der Vorfälle in Nizza und Marseille sei zwar ungewöhnlich gewesen, aber: „Wir haben den Eindruck, dass gewalttätiges Verhalten häufiger passiert.“ Wie zuletzt am vergangenen Wochenende, als Fans des Drittligisten Dynamo Dresden in Bayreuth randalierten, dabei 14 Polizisten verletzten und auf der Rückfahrt einen Zug verwüsteten.

Überraschend kommt die Entwicklung für Gabriel nicht. „Die erzwungene Enthaltsamkeit während der Corona-Pandemie hat bei vielen Fans eine Art Überschuss produziert, der jetzt sichtbar wird, wie wir beim deutlich häufigeren Gebrauch von Pyrotechnik beobachten können“, sagte er jüngst in einem Interview der Zeitungen der Verlagsgruppe RheinMain.

Beim Thema Gewalt komme nach Ansicht von Gabriel noch ein Aspekt hinzu, der schon vor Corona eine Rolle gespielt habe: „In Teilen der Fanszene hat das Thema Kampfsport an Bedeutung gewonnen, es werden Kampfsporttechniken trainiert und angewendet.“ Auch er sieht die Vereine in der Pflicht, „Grenzen zu setzen sowie transparent und fair zu sanktionieren“.

Eintracht Frankfurt schickt Warnungen an eigene Fangruppen

Eintracht-Vorstand Hellmann schickte nach den Ereignissen von Marseille schon mal eine Warnung an die Frankfurter Fangruppen: Wenn es nicht gelinge, sich von der Gewalt und entsprechenden Personen aus eigener Kraft zu lösen, „wird es von uns geregelt“. Soll heißen: Künftig könnte es nur noch personalisierte Tickets geben und die An- und Abreise zentral geregelt werden. „Das ist nicht die Fankultur, von der ich glaube, dass sie Spaß und Freude macht“, sagte Hellmann.

Zugleich warb der 50-Jährige dafür, die Fanszene nicht unter Generalverdacht zu stellen. „Zur ganzen Wahrheit gehört auch, wie Fans bei Auswärtsspielen in der Liga und international behandelt werden. Kleidungsvorschriften, Betretungsverbote in den Städten, Gesangsverbote, das Pferchen in Busse, Ordner, die sich an Frauen vergreifen, Fans, die über Stunden ohne Getränke in der Hitze dehydrieren, Polizisten, die Unbeteiligte mit Schlagstöcken malträtieren, Fans, die von Spezialeinheiten wie Schwerverbrecher behandelt werden“, zählte Hellmann auf und betonte: „Es ist völlig weltfremd zu glauben, dass sich Fußballfans, die den ganzen Tag schlecht behandelt werden, nicht zur Wehr setzen.“