Dynamos neue Garde: Ex-Unioner Julius Kade (m.) und Paul Will (r.), Zugang vom FC Bayern.
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DresdenMarkus Kauczinski gab sich erst gar keine Mühe, seine Ernüchterung über die Leistung seiner SG Dynamo Dresden beim VfB Lübeck zu verbergen. „Unterm Strich haben wir es nicht gut gemacht und viele falsche Entscheidungen getroffen. Wir wussten nichts mit dem Raum anzufangen und haben es trotz guter Positionen oftmals nicht gut ausgespielt. Wir sind noch dabei uns zu finden. Man sieht, wie schwer diese Dritte Liga ist“, grantelte der 50-Jährige, sodass man sich im Nachgang fast schon gezwungen fühlte, dazu zu erwähnen, dass die Dresdner die freilich schwache Partie gegen den Aufsteiger zuvor mit 1:0 für sich entschieden hatten. 

Doch Kauczinski benötigt ihn, diesen Narrativ, diesen Status des „wir haben noch viel Arbeit vor uns“. Er untermauert genau den Ansatz, den Dynamo nach dem bitteren Abstieg aus der Zweiten Bundesliga gewählt hat. Während andere Mannschaften nach einer ähnlichen Zäsur vornehmlich auf die eigene Jugend setzen oder mit gestandenen, aber alternden Topspielern schnellstmöglich zurück an die Spitze wollen, ging die SGD im Sommer einen anderen Weg. Unter dem neuen Sportchef Ralf Becker konzentrierten sich die Elbestädter auf hungrige Spieler, die ihren Ex-Klubs, ihren Kritikern oder sich selbst etwas beweisen wollen.

Dynamo setzt auf einen Berliner Jungen

So wie Julius Kade. Der 21-Jährige galt in der A-Jugend von Hertha BSC als riesiges Talent, wurde vom damaligen Hertha-Trainer Pal Dardai in den Himmel gelobt - nach einem Knöchelbruch und dem Abschied seines ungarischen Förderers aber fallengelassen. Beim 1. FC Union versuchte Kade noch einmal in einem Bundesliga-Kader Fuß zu fassen, saß aber im gesamten Spieljahr nur bei drei Spielen auf der Ersatzbank und kam auf keine Einsatzminute. In  Dresden tastet sich Kade sich nun langsam zurück, durfte zuletzt als Joker in der Schlussphase das Spiel von Dynamo beleben.

Von einem Dasein als Joker ist Paul Will indes weit entfernt. Der ebenfalls 21-Jährige wechselte von der U23 des FC Bayern München nach Dresden, um nach der wertlosen Vorjahres-Meisterschaft mit dem nicht aufstiegsberechtigten Nachwuchs des Rekordmeisters nun den nächsten Karriereschritt machen zu können. „Es war schon die Überlegung, zu einem Verein zu gehen, der Ambitionen hat hochzugehen. Diese Tatsache hat mir die Entscheidung leichter gemacht. Ich wollte zu einem Club, in dem ich weiterkomme“, erklärte er zuletzt der „Oberhessischen Presse“. Seit seiner Gelb-Rot-Sperre am zweiten Spieltag ist Will bei Dynamo Stammspieler. Auch, weil Routinier Marco Hartmann derzeit verletzt ausfällt, vor allem aber, weil der bullige und aggressive Abräumer bei Trainer Kauczinski von Anfang an Eindruck gemacht hat. „Ich fühle endlich wieder den Rückhalt, nicht nur vom Trainer, sondern auch vom gesamten Verein“, schwärmte Will zuletzt.

Den Rückhalt spürte Sebastian Mai bei seiner letzten Station, dem Halleschen FC, eigentlich auch. Der baumlange Verteidiger (1,95 Meter) wurde phasenweise sogar als Stoßstürmer eingesetzt, netzte für die Hallenser in 57 Spielen 13 Mal ein. Doch Mai wollte, nach erfolgreichen Jahren an der Saale, in seiner Geburts- und Heimatstadt noch einen Anlauf wagen, nachdem er die komplette Jugendausbildung bei Dynamo absolviert hatte, 2014 jedoch mangels Perspektive nach Chemnitz gewechselt war. Als gestandener Profi kehrte der 26-Jährige im Sommer an die Elbe zurück, wurde sogleich zum Kapitän des Teams gekürt und ist in der Defensive der sprichwörtliche Fels in der Brandung. „Mit der Rückkehr zu Dynamo geht für mich ein Traum in Erfüllung. Neben meiner Familie habe ich in Dresden noch viele Freunde und war in den letzten Jahren, sofern es zeitlich machbar war, regelmäßig als Zuschauer bei den Heimspielen der SGD im Rudolf-Harbig-Stadion dabei“, gestand Mai bei seiner Rückkehr.

All diese Geschichten, diese Emotionen, all diese Energien will Dynamo Dresden unter Markus Kauczinski in dieser Saison bündeln. Das Abstiegsjahr nagt noch immer am Traditionsklub, hinter vorgehaltener Hand diskutieren die Fans zudem weiterhin darüber, ob die SGD auch abgestiegen wäre, wenn sie ihr Saisonfinale nicht, aufgrund mehrerer positiver Coronafälle, im Drei-Tages-Rhythmus hätte absolvieren müssen. Doch Kauczinski und auch Ralf Becker, der Vereinslegende Ralf Minge erst nach dem Abstieg als sportlicher Leiter ersetzte, hilft der Blick nach hinten wenig. „Wir schauen nur nach vorne. Was passiert ist, können wir ohnehin nicht mehr ändern“, erklärte Kauczinski kürzlich dem Online-Portal „liga3-online.de“. Dynamo Dresden will die Grundlagen für eine neue, erfolgreiche Zukunft schaffen und der Ansatz scheint, nach zehn Punkten aus den ersten fünf Spielen, absolut aufzugehen. Ob am Ende der direkte Wiederaufstieg steht, ist für die sportliche Leitung erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger ist die Nachhaltigkeit. „Es kommt darauf an, eine gute Mannschaft zu werden. Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber erst ganz am Anfang“, so Kauczinski.

Die Idee, die Dynamo verfolgt, ist super, die Grundlage in den ersten Ligaspielen seit dem Umbruch ist gelegt - lediglich eine frühzeitige Selbstzufriedenheit könnte die Dresdner von ihrem Weg abbringen. Kein Wunder also, dass Kauczinski da auch nach einem schwachen Sieg mal etwas kritischer wird...