Berlin - Der größte Machtkampf in der Geschichte des europäischen Club-Fußballs eskaliert und könnte sogar bereits bei der EM einschneidende Konsequenzen für das deutsche Nationalteam haben. Die Uefa konterte die Super-League-Pläne der zwölf Abtrünnigen mit ihrer weitreichenden Reform der Champions League und sprach eine beispiellose Drohung aus. „Die Spieler, die in diesen Teams spielen, die vielleicht in einer geschlossenen Liga spielen, werden von der Weltmeisterschaft und Europameisterschaft ausgeschlossen“, sagte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin am Montag.

„Verbrechen am Fußball“

Wann dies geschehen werde, ließ der Slowene allerdings noch offen. Es sei „zu früh“, um über rechtliche Konsequenzen zu sprechen. Es solle aber „so früh wie möglich“ geschehen. Deutsche Nationalspieler aus Vereinen, die sich bislang an der Super League beteiligen wollen, sind unter anderem Toni Kroos von Real Madrid, die Chelsea-Profis Timo Werner, Antonio Rüdiger und Kai Havertz sowie Ilkay Gündogan von Manchester City. Mit einem Bann für alle Nationalspieler dieser Clubs würde die Uefa die EM als eines ihrer wichtigsten Produkte allerdings selber stark beschädigen – mit Drohkulissen dieser Art von beiden Seiten ist auch in naher Zukunft gleichwohl zu rechnen.

„Wir stehen alle gemeinsam gegen dieses Nonsens-Projekt. Alle 55 Verbände sind gegen die zynischen Pläne“, sagte Ceferin und griff die abtrünnigen Clubs scharf an. „Solidarität ist etwas, das für immer steht. Für manche ist Solidarität, Einheit etwas, was nicht existiert. Das Einzige, was für sie zählt, ist ihre eigene Tasche.“ Er wolle die Vereine nicht „dreckiges Dutzend“ nennen – und implizierte mit seinen anderen Worten doch genau das.

Trotz der angekündigten Abspaltung von einem Dutzend Topclubs beschloss das UEFA-Exekutivkomitee die bei Fans umstrittene Reform der Champions League. Ab der Saison 2024/25 werden 36 statt bislang 32 Teams an der Gruppenphase teilnehmen, zudem wird es insgesamt 100 weitere Spiele geben.

Der Beschluss wurde allerdings durch die Pläne von zwölf europäischen Spitzenvereinen aus England, Spanien und Italien für eine unabhängige, internationale Liga überschattet – deutsche Clubs gehören derzeit nicht dazu. Dem Dutzend reichen die zu erwartenden Einnahmen aus der Uefa-Reform nicht, zudem fehlt ihnen die Sicherheit, auf jeden Fall international dabei zu sein. Die Drohgebärde einer Super League wurde vom europäischen Fußball-Geldadel immer wieder aufgebaut – nun ist das Szenario so nah und konkret wie nie zuvor.

Neuer Modus der Champions League ab 2024

Die neue Liga soll jeweils in der Wochenmitte spielen und steht damit in direkter Konkurrenz zur Königsklasse der Uefa. Deutliche Kritik kam von Fans und etlichen nationale Ligen, Verbänden und Vereinen. „Eine geschlossene Gesellschaft ist ein Verbrechen am Fußball“, sagte Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler der Bild und Sport Bild und kritisierte vor allem den von Jürgen Klopp trainierten FC Liverpool: „Für einen Club, bei dem die Fans ,You’ll never walk alone‘ singen, ist das beschämend.“

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verwies darauf, dass die Mitglieder der Europäischen Club-Vereinigung ECA diese Pläne abgelehnt hätten. Der BVB und der FC Bayern München würden dabei die gleiche Auffassung vertreten. Der Beschluss der ECA besage, „dass die Clubs die geplante Reform der UEFA Champions League umsetzen wollen“, sagte Watzke.

Dabei sollen in der Königsklasse zwei der vier neuen Plätze nicht mehr wie bislang üblich aufgrund von Leistungen aus der vorigen Saison vergeben werden. Stattdessen wären dafür die Platzierungen der Vereine in der Fünfjahreswertung der UEFA ausschlaggebend. Auch dies war bereits vor allem von Fanvertretungen als Tabubruch kritisiert worden.

In der Champions League soll damit ab 2024 nicht mehr wie gewohnt in acht Vorrundengruppen gespielt werden. Anstelle dessen soll es eine Liga geben, in der aber nicht jeder gegen jeden antritt. Dabei würde jedes Team zehn statt bislang sechs Vorrundenspielen bestreiten. Dabei ist die Verteilung der Gelder nach der Reform der Champions League weiter offen – und nun auch maßgeblicher Treiber für die Super-League-Pläne.

Finanziert werden soll die neue Liga maßgeblich von der US-Großbank JP Morgan. Für die Gründungsvereine sollen zunächst 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. Dies würde die Einnahmen aus der bisherigen Champions League deutlich übersteigen.

Als Gründungsmitglieder der Super League präsentierten sich in der Nacht zu Montag: die englischen Clubs Liverpool, Manchester City, Manchester United, FC Chelsea, FC Arsenal und Tottenham Hotspur; aus Spanien der FC Barcelona, Real, Atlético Madrid sowie die Italiener Inter Mailand, AC Mailand und Juve. Pikant dabei: Turins Chef Andrea Agnelli führte bis zuletzt noch die ECA, vertritt die Clubs in der Exekutive der UEFA und war maßgeblich an der Reform der Königsklasse beteiligt.

Weitere drei ungenannte Clubs sollen die Super League ebenfalls mitgründen, fünf Vereine können sich pro Saison qualifizieren. Gespielt werden soll mit insgesamt 20 Mannschaften in zwei Zehnergruppen, danach im K.-o.-System mit Hin- und Rückspielen in Viertel- und Halbfinals sowie einem Endspiel an neutralem Ort.