München - Die Geschichte mit der Hühnerfarm wird nun wieder erzählt, und vielleicht erklärt sie sogar die besonderen Qualitäten von Ivan Perisic. Die Verpflichtung des beidfüßigen, vorwiegend auf der linken Seite eingesetzten Flügelspielers von Inter Mailand hat der FC Bayern umgehend fix gemacht nach der Kreuzbandverletzung samt Operation und einem halben Jahr Zwangspause der Wunschlösung Leroy Sané, 23, von Manchester City. Stattdessen soll nach übereinstimmenden Medienberichten ein 30-Jähriger zunächst auf Leihbasis mit anschließender Kaufoption über geschätzte 20 Millionen Euro auf dem linken Flügel spielen. Jedenfalls zeitweise, wenn einer der beiden flinken und trickreichen Außenbahnspieler Kingsley Coman, 23, und Serge Gnabry, 24, mal wieder angeschlagen fehlt oder eine Pause benötigt. Perisic wird in Kürze in München erwartet.

Zuweilen wird Perisic also jenen Flügel besetzen, auf dem über ein Jahrzehnt lang der mittlerweile 36 Jahre alte Franzose Franck Ribéry seine Tempodribblings mit einigen Kunststücken versah, ehe seine Zeit bei den Münchnern im Mai endete. Spektakuläre Einlagen hatten sich die Bayern auch von Sané erhofft. Doch weil daraus vorerst nichts wird, setzen sie für die Zeit nach dem Pokalspiel an diesem Montag beim Viertligisten Energie Cottbus auf eine Ersatzlösung, die wie ein Gegenmodell wirkt. Und damit zurück zur Hühnerfarm.

Schwerer Start in Sochaux

Als Perisic ein Teenager von gerade einmal 17 Jahren war, bat ihn sein Vater, die Heimat in Kroatien gen Frankreich zu verlassen, weil die Hühnerfarm der Familie in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Perisic wechselte damals von seinem Heimatklub Hajduk Split zum FC Sochaux, nicht zuletzt, weil er mit seinem dortigen Gehalt die Eltern unterstützen sollte. Für Perisic war das damals eine sehr schwere Zeit, auch deshalb, da er im Profiteam keine Chance bekam. Es war allerdings auch eine Zeit, in der er lernte, mit Widrigkeiten umzugehen und an diesen zu wachsen.

Erzählt worden ist die Geschichte mit der Hühnerfarm vor allem im vergangenen Sommer, als Perisic bei der Weltmeisterschaft in Russland als prägende Figur der kroatischen Nationalmannschaft in Erscheinung trat. Zur Überraschung vieler, die ihn auf seinen vorherigen Bundesligastationen in Dortmund und Wolfsburg zwar als gut, aber nicht hochklassig wahrgenommen hatten. Doch bei der WM 2018 sahen sie einen Spieler von internationalem Format, der sich auch im Erwachsenenalter weiterentwickelt hatte und unter anderem das Halbfinale gegen England (2:1 nach Verlängerung) maßgeblich entschied.

Keine Zukunftslösung

Zunächst gelang ihm der Ausgleich und in der Verlängerung die Vorlage zum Siegtreffer von Mario Mandzukic. Hinzu kam ein Pfostenschuss, insgesamt brachte es Perisic allein in diesem Spiel auf sieben Abschlüsse und vier Torschussvorlagen – und nebenbei gefühlt auf annähernd 100 Prozent gewonnener Zweikämpfe. Perisic rannte und rackerte unermüdlich, er war der beste Akteur in Moskau, der prägende Mentalitätsspieler in der Mentalitätsmannschaft der Kroaten. Im Luschniki-Stadion der russischen Hauptstadt traf Perisic auch im Finale zum zwischenzeitlichen Ausgleich, doch für den Titel reichte es nicht. Gegen jenes Frankreich, das in seiner Vita schon früh eine wichtige Rolle eingenommen hatte. Weltmeister durften sich nach dem 4:2 gegen Kroatien dafür zwei andere Münchner Zugänge dieses Sommers nennen, Lucas Hernández und Benjamin Pavard, beide 23.

Eine Zukunftslösung ist Perisic für die Bayern nicht. Aber sein Landsmann Niko Kovac, der frühere Nationalcoach Kroatiens und heutige Trainer der Münchner, soll sich für Perisic auch deshalb ausgesprochen haben, weil dieser im Umbruch Kämpferqualitäten einbringt, die seiner Mannschaft zuträglich sein könnten. Laut Sport1 soll Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge den Transfer federführend abgewickelt haben, angeblich gegen die Bedenken von Präsident Uli Hoeneß und Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Kovac sagte dagegen am Sonnabend allgemein, Transfers würden einstimmig beschlossen, also auch mit seiner Stimme.