Nachruf auf Daniela Samulski: Weltrekord für drei Minuten – Trauer um Berliner Schwimmerin

Berlin - Es ist schwer zu sagen, welche Geschichte die Schwimmerin Daniela Samulski am besten beschreiben könnte. Vielleicht jene von der Weltmeisterschaft 2009 in Rom, als die damals 25 Jahre alte Berlinerin fröhlich in der Mixed-Zone erschien. Sie hatte gerade im Finale über 50 Meter Rücken Platz zwei belegt und erzählte nun den Journalisten, dass sie Silber gewonnen, nicht Gold verloren habe.

Vielleicht war aber auch ein anderer Moment bezeichnend an diesem Abend in Rom. Als ihr nämlich Janine Pietsch, die Teamkollegin, an Brustkrebs erkrankt, aus der Ferne zum zweiten Platz gratulierte und Daniela Samulski daraufhin über den Wert der Gesundheit sprach, hinter dem alles andere zurückstehe.

Daniela Samulski ist am Donnerstag einem Krebsleiden erlegen, im Alter von nur 33 Jahren, am 31. Mai wäre sie 34 geworden. Sie hinterlässt einen Sohn. Sie hinterlässt auch die Frage, die sich immer stellt, wenn ein junger Mensch den Kampf gegen Krebs verliert und auf die es doch keine Antwort gibt: Warum?

Erschütternde Diagnose 2011

Nach dem Ende ihrer Karriere wurde Daniela Samulski mit der Diagnose konfrontiert. Da hatte sie einen anderen Kampf gewonnen. Einen, der sie bereits die Schwerpunkte in ihrem Leben neu bestimmen ließ und der sich nur vordergründig in Erfolgen ausdrückte.

Errungen vor allem in Mannschaften: die Goldmedaillen 2006 und 2010 bei den Europameisterschaften jeweils in Freistilstaffeln. Die Silbermedaille bei der WM in Rom über die 50 Meter Rücken, zu der noch eine über 50 Meter Schmetterling hinzukam. Teilnahmen an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und 2008 in Peking. Deutsche Rekorde auf Einzelstrecken über 50 und 100 Meter Rücken haben bis heute Bestand.

Ein Lächeln wie eine Botschaft

Der eigentlich Erfolg jedoch zeigte sich in ihrem Gesicht, damals in Rom etwa, als sie über Gold verlieren und Silber gewinnen sprach: ein Lächeln wie eine Botschaft. Daniela Samulski fasste diese Botschaft einmal auch in Worte: „Ich bin entspannter“, hat sie gesagt, „ich nehme den Wettkampf ernst, aber ich bin lockerer.“

Sechs Jahre zuvor war das anders gewesen. Damals trainierte sie noch bei der SG Neukölln in ihrer Geburtsstadt Berlin. Sie definierte sich ausschließlich über ihre Leistungen, bezog ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus, wie schnell sie schwamm, wie sie sich im Vergleich zur Konkurrenz schlug. Daniela Samulski fand nicht die Balance zwischen Training, Schule und Belastung im Wettkampf. „Entweder ich bin gut geschwommen, oder alles war doof“, sagte sie später einmal.

Eine schwierige Zeit

„Miss Butterfly“ hatte sie der Boulevard getauft. Daniela Samulski galt als Spezialistin für Schmetterling- und Rückenschwimmen. Doch in diesen Wochen hob der Schmetterling nicht mehr ab. Die psychische Belastung, der Druck, den sie sich selbst machte, ließ sie krank werden. Sie litt an Bulimie, Magersucht, sie trat nicht mehr zu Wettkämpfen an, 18 Monate lang. 

Auch damals lachte sie viel, erhielt schon von den Teamkameraden den Spitznamen „Lachzwerg“, doch es war ein anderes Lachen. Eines wie Schminke, mit der sie die Narben auf ihrer Seele übertünchte. Sie habe ihr Leiden gut vertuscht, erzählte sie später mal. So gut, dass niemand etwas bemerkte.

In dieser Zeit vertraute sich Daniela Samulski einer Psychotherapeutin an, die ihr half, sich neu auszurichten, ihr Leben neu einzurichten, ohne allerdings auf ihren Sport zu verzichten, denn sie hatte wieder Lust auf Schwimmen.

Die Schwimmszene ist bestürzt

Was folgte, war ein Comeback und damit verbunden ein Umzug ins Ruhrgebiet. Neue Umgebung, neue Reize, neuer Trainer bei der SG Essen: Henning Lambertz. Dann stellten sich die Staffeltitel ein und bei der WM 2009 sogar ein Weltrekord über 50 Meter Rücken in 27,39 Sekunden; geschwommen in einem der damals noch zugelassenen High-Tech-Anzüge. Es handelte sich um einen Rekord für drei Minuten. Die Russin Sujewa nämlich unterbot die Bestmarke im Halbfinale um eine Hundertstelsekunde.

„Es war eine tolle Zeit mit ihr“, hat Henning Lambertz Freitag rückblickend gesagt. Kontakt zu Daniela Samulski hatte er zuletzt nicht mehr. Nach der Krebsdiagnose zog sich die Berlinerin zurück. Die ehemaligen Mannschaftkollegen reagierten traurig, bestürzt. Britta Steffen, auch sie früher für die SG Neukölln aktiv, sagte: „Es gibt keine Worte, die auch nur im entferntesten ausdrücken können, was man nach so einer Nachricht fühlt. Unvorstellbar ist es. Ich hoffe, es gibt einen schönen Ort, an den man kommt, wenn man geht.“

Paul Biedermann war mit den Gedanken bei der Familie, sprach sein Beileid aus. Und der frühere Bundestrainer Dirk Lange meinte: „Sie war immer ein Vorbild an Einsatz. Das tut mir sehr leid, was jetzt passiert ist.“ (mit sid)