Nachruf auf Ottmar Walter: Der kleine Bruder

Große Brüder können eine Last sein. Ein Leben lang. Ottmar Walter weiß das. Der ältere Bruder kickte schon in der Nationalelf, da haben sie dem Kleinen die große Karriere immer noch nicht zugetraut. Nicht einmal in der eigenen Familie. Ottmar Walter hat schließlich gewettet mit dem Vater, dem Wirt der Vereinskneipe des 1. FC Kaiserslautern. Um 50 Liter Bier soll es gegangen sein.

Ottmar Walter hat sie gewonnen. Der Mittelstürmer aus Kaiserslautern rückte 1950 auf in die deutsche Fußballnationalelf. 31 Länderspiele machte der „Ottes“, wie sie ihn in der Pfalz nur nannten, zehn Tore hat er geschossen. Allein vier bei der WM-Endrunde 1954 in der Schweiz. Als Außenseiter fuhr das Team von Nationaltrainer Sepp Herberger zum Turnier, als Weltmeister kehrte die Elf zurück. Ein Held freilich mochte Ottmar Walter nur ungern sein. Viel lieber sagte er: Das Glück der Weltmeisterschaft sei sowieso nicht mit Geld zu bezahlen.

So war er Ottmar Walter. Immer ein wenig bodenständig, immer zurückhaltend. Der große Bruder galt als Sensibelchen, da wurde aus der Kraft des jüngeren rasch auf Seelenstärke geschlossen. „Mein Bruder, Ottes oder Siegmund gerufen, der so viel urwüchsiger ist als ich und mit so viel gesünderem Selbstvertrauen gesegnet. Ottes, unser ,Zerreißer’“, beschreibt Fritz Walter seinen Bruder in seinem WM-Buch „3:2“.

Ein Kämpfer – auch im Leben

Ottmar Walter lebte als Spieler von der Kraft, er war ein Kämpfer - auch im Leben. Die Schwere dieses Mannes hat ein Reporterteam des SWR eingefangen. 2004 feiert Deutschland das 50. Jubiläum des Wunders von Bern. Ottmar Walter freilich erinnert sich an die Zeit bei der Marine im 2. Weltkrieg. Wie sein Schiff 1944 von einem Torpedo getroffen wurde und sank. Und nach und nach um Ottmar Walter die Stimmen der Besatzung verstummten. Für eine bedrückend lange Sekunde hat die Kamera dieses Alleinsein sechzig Jahre später eingefangen. Welch' eine Einsamkeit.

Unser Mütter, unsere Väter wollten davon nach dem Krieg nichts hören, sie sehnten sich nach Helden. Und so hat Ottmar Walter lange über diese Geschichte geschwiegen. Übrig blieb nur, dass bei diesem Abschuss sein rechtes Knie verletzt wurde und drohte steif zu werden. Durch emsige Gymnastik hat er die Karriere gerettet. Es folgen viele Knie- und Hüft-Operationen. Er hatte im Alter den Gang eines Fußball-Veteranen, wenn man ihn aus der Ferne auf dem Betzenberg sah.

Wenn er getroffen hat, für den FCK, haben sie gesagt: „Der Fritz hat ihm die Tore aufgelegt.“ Auch die Nationalelf hätte er nur dem großen Bruder zu verdanken, hieß es. Sein erstes und bestes Länderspiel freilich machte er am 22. November 1950 in Stuttgart gegen die Schweiz. Da saß der große Bruder verletzt draußen und Coach Herberger hat nur gesagt: „Spielen Sie so wie immer.“

Er hat so gespielt wie immer und wurde nicht nur Weltmeister, sondern mit seinem FCK 1951 und 1953 auch Deutscher Meister. In der Pfalz raunen sie, der Jüngere habe nach 1945 die hübsche Dolmetscherin Italia als erste im Tross der Besatzungstruppen gesehen. Der große Bruder hat die Sache dann klar gemacht. Als Wäscherei und Kino von Fritz Walter trudelten, sprang ein Sportartikelhersteller ein. Der Bruder hatte mit seiner Tankstelle („Willst Du deinem Ottmar danken, musst du fleißig bei ihm tanken“) weniger Glück. Es kam die Pleite. Und Alkohol. Dass er trocken sei bezeichnete Ottmar Walter später als seinen größten Erfolg. Am Sonntag ist der Kämpfer mit 89 Jahren gestorben.

Nach dem großen Bruder haben sie eine Wetterlage benannt. Und gleich das ganze Stadion. An Ottmar Walter erinnert ein kleines Eingangstor. Große Brüder können eine Last sein selbst im Tod.