Überall verfing ihr Charme: Rosi Mittermaier ist gestorben

Die Ausnahme-Skifahrerin wurde durch ihre Goldmedaillen bei Olympia 1976 in Innsbruck berühmt. Doch ihre Erfolge waren ihr nie wirklich wichtig. 

Rosi Mittermaier (1950–2023) bei ihrem größten Erfolg: Sie gewann zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck. 
Rosi Mittermaier (1950–2023) bei ihrem größten Erfolg: Sie gewann zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck. imago

In den letzten Tagen von Rosi Mittermaier war der alpine Weltcup-Zirkus zurück in Garmisch-Partenkirchen. Und vor allem das Publikum, das zuletzt, während der Pandemie-Jahre, nicht im Zielraum stehen, nicht jubeln, klatschen, feiern oder Kuhglocken läuten durfte. Nur der Schnee fehlte bei den frühlingshaften Temperaturen im Tal und sogar oben auf den Hängen des Voralpenlandes. Auch Rosi Mittermaier fehlte. Sie starb am Mittwoch nach schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren.

Mit ihrem Mann Christian Neureuther gehörte sie sonst in jedem Jahr zu den prominenten Gästen des Weltcup-Slaloms am Gudiberg. Sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, war Grundlage ihres Berufsmodells als wohl prominentestes Sportler-Ehepaar Deutschlands. Das Skifahren hatte Rosi Mittermaier bekannt gemacht. Bis zum Schluss war es ihre Leidenschaft. „Jeder Schwung bei ihr ist Freude“, sagt Christian Neureuther in einer ARD-Dokumentation, die vor zwei Jahren entstand. Das Skifahren brachte Rosi Mittermaier auch mit Christian Neureuther zusammen. 

Rosi Mittermaier, das Mädchen von der Winklmoosalm

Es war eine andere Zeit damals: Der Schnee fiel in Bayern zuverlässig im Dezember, der Boom des Skitourismus hatte in Deutschland gerade so richtig Fahrt aufgenommen, Harry Valérien moderierte „Das aktuelle Sportstudio“ und dann fuhr Rosi Mittermaier von der Winklmoosalm in den Chiemgauer Alpen mitten hinein in die Herzen der Wintersportfans.

Ein Mädchen vom Berg aus der Nähe von Reit im Winkl, das schon mit zwei Jahren in dicken Wollstrumpfhosen auf Skiern stand. Wie sollte es auch anders sein? Ihr Vater war Skischul-Leiter, die ältere Schwester fuhr längst Rennen, die jüngere später auch. Und ab Mitte der 60er-Jahre, als das Fernsehen noch in Schwarz-Weiß sendete, fiel Rosa Katharina Mittermaier mit ihren zwei schwarzen Zöpfen, die der Kommentator des Bayerischen Rundfunks „Haarschwanzl“ nannte, bei deutschen Meisterschaften auf.     

Sportmomente werden manchmal Gesellschaftsmomente

Während in Österreich Franz Klammer die Wintersportnation entzückte, wurde Rosi Mittermaier zum Gesicht des deutschen Mädchenwunders auf Skipisten – in ihrem Sog kamen auch Irene Epple und Traudl Treichl zu internationalen Erfolgen. Aus dem Ein-Damen-Team wurde eine Mannschaft, eine ernsthafte Konkurrenz für die Österreicherinnen, die bislang den Erfolg für sich gepachtet hatten.

Sportmomente werden manchmal Gesellschaftsmomente. Momente, in denen Menschen zusammenrücken, in denen Gemeinschaft spürbar wird, in denen etwas entsteht, das inzwischen Hype genannt wird. Von der Anschubkraft des Fußball-Weltmeistertitels 1954 ist viel geschrieben worden. 1972 verzückte dann die junge Ulrike Meyfarth im Münchner Olympiastadion ganz Deutschland mit ihrem Hochsprung-Sieg. Und 1976 machten die Winterspiele von Innsbruck Rosi Mittermaier zum ersten Star des alpinen Frauen-Rennsports. Sie war damals 25 Jahre alt.

Rosi Mittermaier am 8. Februar 1976 nach ihrem Abfahrtssieg auf dem Podest der Olympischen Spiele in Innsbruck.
Rosi Mittermaier am 8. Februar 1976 nach ihrem Abfahrtssieg auf dem Podest der Olympischen Spiele in Innsbruck.AFP

Oft sind es kleine Dinge, die Großes entscheiden. Vor dem Abfahrtsrennen in Innsbruck, erzählte Mittermaier später, habe ihr Alpin-Cheftrainer Klaus Mayr den Tipp gegeben, beim flachen Start der Hoadl-Piste im Axamer Lizum kräftiger als sonst anzuschieben – und sich so einen Vorsprung herauszufahren. Mittermaier startete auf 2300 Metern als Außenseiterin im schwarzen Anzug mit der Nummer neun – auf 2,15 Meter langen Skiern. Und nun im Fernsehen bereits in Farbe. Sieben Mal schob sie an. Kraftvoll. „Die Strecke lag mir prächtig“, sagte sie. Sie gewann die Königsdisziplin vor der österreichischen Favoritin Brigitte Totschnig.

Mit ihrer natürlichen Siegesfreude, ihrem bayerischen Almdirndl-Charme steckte sie alle an. Im Zielraum auf 1600 Metern wurde es turbulent: Fotografen und Journalisten prügelten sich tatsächlich um Bilder und Interviews. Die Siegerin wurde fast erdrückt, konnte kaum etwas sagen. Auf dem Podest tanzte sie Rumba. Kurz darauf gewann Mittermaier auch den Slalom, im Riesenslalom holte sie sich die Silbermedaille – und am Ende der Saison den Gesamt-Weltcup. So etwas hatte es in Deutschland noch nie gegeben.

„Rosi, Rosi, noch einmal, es war so wunderschön“

Als Mittermaier ins Chiemgau zurückkehrte, aus dem Schiebedach einer schwarzen Mercedes-Staatslimousine winkend, standen die Menschen in Massen an der Straße. Sie sangen zu Ziehharmonika-Musik: „Rosi, Rosi, noch einmal, es war so wunderschön.“ Die Deutschen liebten ihre Gold-Rosi – und die staunte vor allem über die Veränderungen und Auswüchse, die ihre Erfolge bei den Menschen ausgelöst hatten und dachte sich: „Herrschaftszeitn, des gibts ja net.“

Sogar zur Winklmoosalm pilgerten die Fans, setzten sich auf die Felsen vor ihr Elternhaus, sangen oder spielten Musik. „Es war eigentlich eine Masseneuphorie“, sagte Mittermaier und erzählte, dass sie oft heimlich hinter dem Haus aus dem Fenster in den Wald gesprungen sei, damit sie nicht gesehen wurde. 

Am Ende der olympischen Wintersaison erklärte Mittermaier bei einer Pressekonferenz in Dirndl und Strickjacke ihren Rücktritt vom Skirennsport. Noch immer 25 Jahre alt, brach sie auf in eine andere Welt, in der sie die Möglichkeiten der weißen Skisportindustrie nutzte wie keine Athletin vor ihr. Sie ließ sich von dem amerikanischen Sportmanager Mark McCormack beraten, der sich mit seiner Firma International Management Group (IMG) als Wegbereiter des modernen Sportmarketings etablierte.

Mittermaier heiratet den Skirennfahrer Christian Neureuther

Mittermaier erhielt einen Job als Fernsehkommentatorin, diente den Lesern einer Boulevardzeitung als „bester Skilehrer der Welt“, zeigte Skigymnastik im Fernsehen, verteilte Rosen, machte das Dirndl außerhalb Bayerns salonfähig, gab Autogrammstunden, nahm mit ihrer Schwester Evi eine Schallplatte auf, wurde von der Bravo hofiert. Überall kam ihr Lächeln an, überall verfing ihr Charme.

Auch bei Christian Neureuther, dem ein Jahr älteren Skirennfahrer des SC Garmisch-Partenkirchen, mit dem sie unbemerkt von der Öffentlichkeit schon länger befreundet war und sich Briefe schrieb. Nach der Heirat mit dem sechsmaligen Weltcup-Gewinner, der bei Olympia in Innsbruck und 1980 in Lake Placid jeweils Fünfter im Slalom wurde, zog sich Mittermaier aus der Öffentlichkeit zurück.

Die früheren Skirennläufer Rosi Mittermaier und Christian Neureuther 2015 bei der Eröffnung der 104. Bayreuther Festspiele.
Die früheren Skirennläufer Rosi Mittermaier und Christian Neureuther 2015 bei der Eröffnung der 104. Bayreuther Festspiele.dpa/Tobias Hase

Ihr war die Familie wichtig. Die Kinder Ameli und Felix. Sie sollten in Garmisch-Partenkirchen wie alle anderen aufwachsen. Ohne Trubel. Abseits der Öffentlichkeit. Als die Polizei eine Entführung der Tochter im letzten Moment verhinderte, zog sich die Familie noch mehr zurück. 

Erst als Ameli begann, sich als Designerin zu etablieren, in New York für das Modelabel Marc Jacobs und in Berlin für Wolfgang Joop arbeitete und Felix als Slalomfahrer ins Rampenlicht drängte, wurden auch öffentliche Auftritte des Skisport-Paares wieder häufiger. 

Nach vielen Rückschlägen und Stürzen feierte Felix Neureuther 2010 seinen ersten Weltcupsieg ausgerechnet im Slalom-Mekka Kitzbühel, wo sein Vater 31 Jahre zuvor triumphiert hatte. Und so wuchs da ein neuer Skisportler heran, der einerseits auch seine Eltern für eine neue Generation an Wintersportfans interessant machte – und andererseits in der Social-Media-Welt ganz andere Möglichkeiten nutzen konnte, Werbe- und Sponsorengelder zu verdienen. 

Rosi Mittermaier und ihr Sohn Felix Neureuther bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi.
Rosi Mittermaier und ihr Sohn Felix Neureuther bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi.dpa

Auch durch den Slalomfahrer Felix blieben Rosi Mittermaier und Christian Neureuther als Vorzeige-Paar einer Vorzeige-Familie präsent. Sie traten in Quiz- und Talkshows auf, machten Werbung für Gesundheitsprodukte, setzten sich für eine deutsche Olympiabewerbung ein, für den Klimaschutz und die deutsche Kinderrheuma-Stiftung, für die Corona-Impfung und fürs Abstandhalten während der Pandemie. Dabei agierten sie intelligent genug, die bayerische Alpen-Idylle, die sie umgab, nicht als Kitsch zu reproduzieren, sondern authentisch zu bleiben.

Ganz ähnlich hat sich Felix Neureuther, der inzwischen seine Karriere als Skirennläufer beendet und mit der früheren Biathletin Miriam Gössner eine eigene Familie gegründet hat, in der Öffentlichkeit positioniert. Wie seine Eltern war er zuletzt als Fernsehkommentator aktiv. Auch er wirbt mit seiner Frau für Gesundheitsprodukte. Auch er setzt sich für den Klimaschutz ein.

Auf die Frage, welcher Moment der beste ihres Lebens gewesen sei, antwortet Rosi Mittermaier in der ARD-Dokumentation sofort: „Der erste Kuss. Und die Geburt der Kinder.“ Und sie ergänzt: „Das Wichtigste ist, dass man sich aufeinander verlassen kann.“ Es klingt so, als sei ihr der Rummel um ihre Person bis zum Ende suspekt gewesen. Als wundere sie sich noch immer darüber, dass Europas höchstgelegener Straßentunnel in den Ötztaler Alpen ihren Namen trägt. 

Markus Wasmeier: „Rosi hatte ein Herz so groß wie ein Bus“

Der frühere Skifahrer Markus Wasmeier war eng mit Mittermaier und ihrer Familie befreundet. „Wir haben einen fantastischen Menschen verloren. Rosi hatte ein Herz so groß wie ein Bus, sie war immer für jeden da – das war einzigartig“, sagte Doppel-Olympiasieger. „So einen Menschen findet man nicht wieder, sie hinterlässt eine riesige Lücke.“ IOC-Präsident Thomas Bach würdigte Mittermaier als „äußerst sympathische und glaubwürdige Botschafterin des Sports, die stets offen und bescheiden auf die Menschen zugegangen ist. Mit ihrer Herzlichkeit und ihrem Lachen hat sie uns alle inspiriert. Deshalb wird sie nicht nur wegen ihrer zwei olympischen Goldmedaillen immer als ‚Gold-Rosi‘ in unserer Erinnerung bleiben.“

Ihre Medaillen, sagt Christian Neureuther in der ARD-Dokumentation, an deren Ende er mit Rosi Mittermaier eine Bergtour unternimmt und den Blick über die Gipfel genießt, seien seiner Frau nie wichtig gewesen. Wenn man einmal verheiratet ist und Kinder habe, sei es wurscht, ob einer eine Medaille um den Hals hängen hat oder nicht: „Du musst schauen, dass du durchs Leben kommst. Gemeinsam.“ Von jetzt an muss er den Weg ohne Rosi gehen.