Nachruf: Sascha Lewandowski war anspruchsvoll - vor allem gegenüber sich selbst

Sascha Lewandowski wusste, dass Menschen Aufmerksamkeit und Zuneigung brauchen. Als er im  September 2015 beim 1. FC Union nach fünf Spieltagen das Traineramt übernahm, schritt er zu Beginn der Übungseinheiten quer über den Platz zu jenen Fußballern, die aufgrund von Blessuren abseits der Mannschaft in einem Eck ihr individuelles Programm absolvierten.

Er hörte zu, munterte auf. Und als er in das erste Kurztrainingslager drei Jugendspieler mit nach Kienbaum nahm, da setzte er sich nach der abschließenden Einheit mit dem Nachwuchs-Trio auf den Rasen und sprach ausführlich mit ihnen über das Erlebte und die Zukunft. Die Schulung von Talenten lag ihm und berücksichtigte auch die menschliche Entwicklung.

Nun ist Sascha Lewandowski im Alter von 44 Jahren gestorben. Er wurde am Mittwochnachmittag tot in seiner Bochumer Wohnung aufgefunden. Die Polizei schloss ein Fremdverschulden aus, die Staatsanwaltschaft beantragte die Obduktion des Leichnams. „Sollte dem Antrag stattgegeben werden, ist Anfang nächster Woche mit einem Ergebnis zu rechnen“, sagte Andreas Bachmann von der Staatsanwaltschaft Bochum. Laut Focus Online geht die Polizei von einem Suizid aus, das Portal beruft sich auf Aussagen von Beamten.

Lewandowskis langjährige Freundin, WDR-Radioreporterin Anne van Eickels, reiste umgehend aus dem Pariser EM-Studio der ARD ab.

Rücktritt wegen Burn-out

„Wir sind tief bestürzt und unglaublich traurig“, sagte der Präsident des 1. FC Union Dirk Zingler. Fünf Monate hatte der gebürtige Dortmunder das Training der Eisernen geleitet. Im Februar 2016 wurde er krankgeschrieben, doch die Hoffnung, dass sich sein gesundheitlicher Zustand dank einer kurzen Pause  bessern würde, erfüllte sich nicht. Zwei Wochen später verkündete er seinen Rücktritt aufgrund eines akutes Erschöpfungssyndroms, das Herzbeschwerden verursachte. Selbst in diesem Moment dachte er weniger an sich als an seine Arbeit.  „Dieser Zustand ist untragbar für Mannschaft und Klub“, sagte er damals.

Nach dem Abschied zog er sich zurück in seine Wohnung unweit des Stadions, wo er  als Nachwuchscoach beim VfL Bochum begonnen hatte.  Von 2007 bis 2014 coachte er dann im Jugend- und Lizenzspielerbereich des Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen.

Dort löste sein Tod große Betroffenheit aus. „Sascha Lewandowski war ein wunderbarer Mensch.   Wir alle hatten gehofft, ihn im Sommer wieder auf einer Trainerbank zu sehen“, sagte  Geschäftsführer Michael Schade. Was Lewandowski im Umgang mit Menschen ausgezeichnet hat, fasste Schades Vorgänger Wolfgang Holzhäuser zusammen: „Man hatte bei ihm nie das Gefühl, dass er etwas anderes gesagt hat, als er gedacht hat.“

Seine Ehrlichkeit  war ein Merkmal,  weitere waren die unstillbare Fußballbegeisterung und die aufopferungsvolle Arbeitshaltung.  Bei Union hat er vieles anders gemacht, als man es  gewohnt war, und so wichtige Entwicklungen angestoßen. Verantwortung zu teilen fiel ihm schwer, noch  mehr, nachdem etwa in einem Heimspiel die Spieler falsche Schuhe getragen hatten und  ausgerutscht waren. Um die Schuhe kümmerte er sich dann also auch noch.

Lewandowski kam kaum zur Ruhe.  Er war anspruchsvoll, vor allem gegenüber sich selbst.  Als gleich im ersten Spiel unter seiner Regie   endlich der erste Saisonsieg gelang, sagte er: „Die Spieler können das ein bisschen genießen.“ Er selbst konnte das nicht, da das klare 3:0 in Karlsruhe ihn nicht über die Mängel hinwegtäuschte.

Dass er nicht auf den Rasen zurückkehren wird, ist tragisch. „Er war ein toller Mensch, der all seine Kraft und Leidenschaft in seine Arbeit einbrachte“, sagte Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler. Der ehemalige Hertha-Angreifer Pierre-Michel Lasogga twitterte: „Einer der besten und talentiertesten Trainer, bei dem ich spielen durfte. Danke für alles. Ruhe in Frieden, Trainer.“ Er hatte bei ihm  in Leverkusen gelernt.