Prüfungsfrage: Was macht man, wenn man als Trainer in der Not gegen Ende der Partie den Sieg oder zumindest einen Punktgewinn sichern will? Richtige Antwort: Noch einmal, wenn denn noch möglich, einen Wechsel vollführen. Auch Union-Coach Urs Fischer sah sich bei der Auswärtspartie in Bielefeld zu so einem banalen Eingriff gezwungen. Es stand 1:1, seine Mannschaft war vor 18.000 Zuschauern enorm unter Druck gekommen, und er brachte Julian Ryerson für Marcel Hartel. Wichtige Sekunden verstrichen dabei, und nur noch einmal musste im Anschluss kurz gezittert werden, weil sich Marvin Friedrich im Laufduell mit sehr viel Körperkontakt gegen Prince-Osei Owusu erwehrte, dann aber war Schluss. Und keiner wusste so recht, wie er mit diesem Remis umgehen sollte. Union nimmt für den Moment mit zehn Punkten Platz fünf ein, Bielefeld mit neun Punkten Platz neun.

Die Feststellung, dass sich zwei Fußball-Mannschaften neutralisieren, kommt gern mal als Euphemismus zur Anwendung. Soll heißen, die Wahrheit ist eine andere, nämlich dass sich die beiden Fußball-Mannschaften in einem unansehnlichen Gegurke verlieren. Fußball-Ping-Pong wird da gern mal im Mittelfeld gespielt, weil den Akteuren die Klasse fehlt, um mit ruhigem Kopf und ruhigem Füsschen ein geordnetes Passspiel aufzuziehen. Man ergibt sich da wie dort dem Zufall, weil man nicht in der Lage ist, Kontrolle über das Spiel zu gewinnen.

In der Auseinandersetzung zwischen Arminia und Union erweckten die Spieler beider Teams auch erst mal diesen unschönen Eindruck. Wenngleich die Ursache wohl weniger auf ihre Qualität denn auf das Verhältnis beider Trainer zurückzuführen ist. Die beiden, dort Arminen-Coach Jeff Saibene, hier Union-Coach Fischer, kennen sich seit Jahren, als Trainergegner aus dem Schweizer Erstligafußball. Sie standen sich an diesem Sonnabendnachmittag zum 20. Mal gegenüber. Kein Wunder also, dass der eine auf die Taktik des anderen und umgekehrt bestens vorbereitet war. Und so brauchte es seine Zeit, bis sich das Spiel ein wenig öffnete. Wobei die Gastgeber zunächst etwas mehr wollten als die Eisernen, die Fischer bei Auswärtspartien ja noch enger an die Leine nimmt als in der Alten Försterei.

So waren Akaki Gogia und Marcel Hartel als Flügelmänner dazu angehalten, erst mal defensiv zu denken. Einfache Ballverluste vermeiden, im Spiel nach vorne Fouls ziehen, damit die eigene Abwehr sich etwas Luft verschaffen kann. Das gleiche galt für den zentralen Angreifer Sebastian Andersson und für Felix Kroos, der von Fischer mit dem Auftrag aufs Feld geschickt worden war, zwischen den Linien zu agieren.

Also abwarten, all das Unzureichende über sich ergehen lassen, und bei Gelegenheit eiskalt zuschlagen. Bei einer Standardsituation beispielsweise, wie in der 39. Minute, als Christopher Trimmel einen Eckstoß vors Tor trat und Manuel Friedrich per Kopf nur die Oberkante der Querlatte traf. Oder eben bei einer Nachlässigkeit der Bielefelder, wie in der 44. Minute, als sich Gogia nach dem geschmeidigsten Angriff der ersten Hälfte auf der rechten Seite in Position brachte, von der Grundlinie nach innen spielte und Grischa Prömel schließlich durch die Arminen-Beine hindurch zum 1:0 für Union traf. Kurze Zeit später ärgerten sich Gogia und die Bielefelder Stephan Salger und Manuel Prietl. Schiedsrichter Martin Thomsen bremste die Streithähne schließlich mit gelben Karten aus.

Wer zu Beginn der zweiten Hälfte aufseiten der Köpenicker im Besonderen gefragt war? Klar, die Abwehrreihe, die sich dann auch tatsächlich wiederholt Bielefelder Angriffswellen erwehren musste. 20 Minuten ging das gut, weil die Innenverteidiger Florian Hübner und Marvin Friedrich immer wieder zur rechten Zeit Fuß oder Kopf an den Ball brachten, dann allerdings bekam Cedric Brunner Gelegenheit zur freien Flanke, die mit Andreas Voglsammer einen der besten Zweitligastürmer erreichte. 1:1 hieß es nun, auch weil Union-Keeper Rafal Gikiewicz die Chance zum vorzeitigen Eingriff verpasst hatte. Jedenfalls scheint da einer in Sachen Strafraumbeherrschung noch etwas Nachholbedarf zu haben.

Fischer brachte wenig später mit Simon Hedlund für Gogia und Robert Zulj für Kroos zwei frische Kräfte zur Stabilisierung seines inzwischen doch ziemlich wackligen Konstrukts. Allein die Maßnahmen wirkten nicht. Voglsammer, Brunner, vor allen Dingen Klos hatten viel zu viele Ballaktionen, und wenn Hübner in der 79. Minute seinen Stellungsfehler nicht geistesgegenwärtig gleich wieder mit einem erfolgreichen Block gegen Klos korrigiert hätte, wäre der 1. FC Union wohl erstmals in dieser Saison als Verlierer vom Platz gegangen.