Es begann bei einem Grillabend. "Schau mal, was wir für tollen Nachtisch haben!", riefen meine Freunde euphorisch. Und waren umso erstaunter über mein entsetztes Gesicht, als sie mir das Naschwerk in die Hand drückten: Eis am Stiel. Schwarz-rot-güldenes Eis am Stiel.

Ich kann solch eventbezogenen Marketing-Maßnahmen einfach nichts abgewinnen. Besser gesagt: Sie gehen mir gehörig auf die Nerven. Und das, obwohl ich Fußball mag. Auch bei der WM fiebere ich kräftig mit - und drücke dem DFB-Team bei jedem Spiel die Daumen.

Aber wenn ich Autos mit so genannten Außenspiegel-Kondomen (wer hat sich eigentlich diesen unsäglichen Begriff ausgedacht? Und was soll da verhütet werden?) sehe, steigert das meine Vorfreude nicht. Im Gegenteil: Sie leidet.

Das liegt zum einen daran, dass bestimmte Fanartikel mein ästhetisches Empfinden stören. Was übrigens auch der Fall ist, wenn Männer im Urlaub im Fußballtrikot ins Restaurant kommen.

Ein weiterer Grund ist, dass mir der Schwarz-Rot-Gold-Wahn das Einkaufen verleidet. Wenn ich Lust auf Fruchtzwerge habe, will ich Fruchtzwerge essen und keine "Deutschland-Zwerge". Bei M&M's bevorzuge ich bunte Vielfalt, anstatt auf drei Farben reduziert zu werden. Und auch im Eisregal habe ich gerne die Wahl.

Nun könnte ich das Jammern einfach lassen und auf andere Produkte ausweichen. Doch auch dann bleibt ein Overkill-Gefühl zurück, das dank des Beflaggungswahns deutscher Haushalte, Fahrzeughalter und Markenhersteller stetig weiter wächst. Und das schon bevor die WM überhaupt offiziell eröffnet wurde.

Ich habe das Problem mit meiner Therapeutin besprochen. Es war zwar nur meine Physiotherapeutin, aber sie hatte die interessante These eines Patienten parat: Die Deutschen würden während einer WM nur deshalb so inflationär mit den Nationalfarben umgehen, weil sie nur in dieser Zeit offen Nationalstolz zeigen könnten, ohne als Nazis beschimpft zu werden.

So hängen also dieser Tage auch wieder Fahnen aus Wohnungsfenstern, die nicht - wie in so manchen Kleingartenkolonien oder einschlägigen Kiezen - das ganze Jahr dort zu sehen sind. Was zumindest insofern gut ist, als dass es allen deutschtümeligen Dauer-Flagge-Hissern die Deutungshoheit entzieht.

Fahne zeigen während der WM, ob am Auto oder am Balkongeländer, das heißt: Ich bin einer von euch. Von euch fußballbegeisterten DFB-Anhängern.

Wehende Gummibänder am Rad

Ich persönlich brauche für den Freudentaumel im Kollektiv keine Wimpel oder Schminkstifte. Aber keine Sorge, liebe Verkleidungsfanatiker: Ich will euch gar nicht den Spaß verderben. Sondern schlicht meinem Ärger darüber Luft machen, dass man es als Nicht-Mitläufer so schwer hat.

Verweigert man entsprechende Produkte, gilt man gleich als Nörgler. Entkommen kann man dem Schland-Gewese (ob Frau Merkel wohl wieder ihre passende Kette hervorkramt?) aber auch jenseits der Fanmeile kaum - selbst in einer großen, multikulturellen Stadt wie Berlin nicht.

Es sei denn, man schließt sich die nächsten vier Wochen in seiner Wohnung ein. Was im Sommer keine Option ist. Schon des Grillens wegen.

Bei besagtem Grillabend entbrannte durch das Dessert übrigens eine angeregte Diskussion. Meine Gruppengegner waren dabei nur schwer zu besiegen. Einer möchte sich sogar die Nationalfarben an seinem Fahrrad befestigen. Am liebsten farbige Gummibänder wie jene, die in den Siebzigern an den Lenkergriffen von Bonanzarädern im Fahrtwind flatterten.

Meine Empörung über diese alberne Idee habe ich mit Weißwein und schwarz-rot-gelb gefärbtem Orangen-Wassereis heruntergespült. Es hat gar nicht so schlecht geschmeckt - eben wie Wassereis mit Orangenaroma. Das schmeckt immer künstlich, egal, welcher Farbstoff gerade en vogue ist.

Dieser Text ist die Antwort auf ein flammendes Plädoyer für schwarz-rot-gold-farbene Fanartikel, das Sie hier nachlesen können.

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