Der fränkische Weltkonzern Adidas könnte sein Engagement im deutschen Antidoping-Kampf ruhig offensiver vermarkten. Der Sportartikelriese besitzt ein Alleinstellungsmerkmal: Er ist das einzige verbliebene deutsche Unternehmen, das die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) bei ihrer Arbeit finanziell unterstützt.

Die Verweigerungshaltung der Wirtschaft ist ein wesentlicher, aber nicht der einzige Grund für die anhaltende Finanznot der Bonner Stiftung, deren Management am Mittwoch in Berlin Bilanz zog. Die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann scheute sich denn auch nicht, ihre Ausführungen mit dem leidigen Thema Geld zu beginnen. Ihre Botschaft war unmissverständlich: „2014 ist derzeit noch nichts gesichert.“

Auch im elften Jahr ihrer Existenz sieht sich die Nada genötigt, ihren Geldgebern – Bund und Länder, Sport und Wirtschaft – als Bittstellerin gegenüberzutreten. „Für mich ist es ein Unding, dass sich die Nada nur von Jahr zu Jahr finanzieren kann“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Georg Näder in Berlin. Einen Ausweg vermag auch der Unternehmer (Otto-Bock-Gruppe) nicht aufzuzeigen. Mit Ach und Krach wurden die 4,5 Millionen Euro für den Etat im laufenden Jahr zusammengekratzt, nachdem der Bund erst einen befristeten Zuschuss in Höhe von einer Million Euro auslaufen ließ, dieselbe Summe dann aber zusätzlich bereitstellte. Am Dilemma hat sich nichts geändert: Das Stakeholder-Modell zur Nada-Finanzierung, das nicht zuletzt die Unabhängigkeit der Institution schützen soll, bleibt den Nachweis seiner Tragfähigkeit und den der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit schuldig.

„Die Länder haben noch Potenzial, die Wirtschaft auch,“ sagte Näder. Das ist mehr als untertrieben. Auf lächerliche 100.000 Euro belief sich die Fördersumme von Ländern und Kommunen im Jahr 2012. Die Wirtschaft stellte 300.000 Euro bereit (250.000 kamen von Adidas). Damit ist über den Stellenwert des Kampfs gegen Doping hierzulande eigentlich alles gesagt.

Die Verantwortlichen der Nada müssen gute Miene zum bösen Spiel machen. Die Hoffnungen ruhen nun auf einem Fundraising-Konzept, das derzeit für die Bonner Stiftung erstellt wird. Das Betteln wird Methode, weil ein Abschied vom Stakeholder-Modell ungeachtet der finanziellen Dauermisere nicht ernsthaft erwogen wird – noch nicht. „Das Produkt Nada muss gut verpackt sein, um in den Sponsoringaktivitäten der großen Unternehmen eine Rolle zu spielen“, sagte Näder. Das war Marketingsprech und provozierte die spitze Journalistenfrage, wie er es bloß hinbekommen wolle, „dass Pippimachen sexy wird“.

Die Arbeitsbilanz, die Gotzmann und Vorstandskollege Lars Mortsiefer in Berlin vortrugen, machte deutlich, dass die Nada ihren Etat eigentlich aufstocken müsste, um ihren Aufgaben angemessen nachzukommen. So stieg der Anteil der – teuren – Blutproben bei den 8567 Trainings- und 1076 Wettkampfkontrollen der Nada in 2012 auf 24 Prozent. Der Aderlass zu Analysezwecken wurde in den Teamsportarten Eishockey, Basketball und Handball etabliert, der Fußball soll bald folgen. Weitere Verbände sollen Kontrollsystem und Ergebnismanagement der Nada übertragen. „Athleten erwarten Professionalität“, sagte Kanutin Silke Kassner, die dem Nada-Aufsichtsrat als Vertreterin der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) angehört. Da ist die fehlende Bereitschaft, die Stiftung finanziell so auszustatten, dass sie diesem Anspruch nachkommen und die wachsenden Herausforderungen etwa in der internationalen Zusammenarbeit meistern kann, ein fatales Signal. „Wir Athleten sehen da fast so etwas wie Arbeitsverweigerung“, sagte Kassner mit Blick auf die besonders knauserigen Bundesländer.

Dass die Nada bei ihren Kontrollen 2012 insgesamt 97 Verstöße gegen die Antidoping-Richtlinien feststellte, aber nur in 22 Fällen Sanktionen aussprach, wird im neuen Fundraising-Konzept wohl keine prominente Rolle spielen. „Gute Antidoping-Arbeit definiert sich nicht ausschließlich über die Anzahl der positiven Fälle“, gab Andrea Gotzmann zu bedenken. Die Stakeholder könnten freilich geneigt sein, aus den Zahlen abzuleiten, bei Doping handle es sich in Deutschland um ein Problem, das zu vernachlässigen sei. Und dabei, beim Vernachlässigen, geben sie sich seit Jahren wirklich alle Mühe.