Ilkay Gündogan nach einem seiner zwei Tore gegen Estland. Über seiner Darbietung liegt jedoch ein Schatten.
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BerlinEs gibt einen Begriff, der erst einmal komisch klingt, der aber eine wichtige Unterscheidung vornimmt: Fußball-Intelligenz. Die hat nicht zwangsläufig mit dem landläufig als Intelligenz bezeichneten Geisteszustand zu tun. Der Fußballprofi Ilkay Gündogan legt diesen Schluss jedenfalls nahe. Der Mittelfeldspieler von Manchester City verfügt über Fußball-Intelligenz. Das hat er beim 3:0-Sieg im Qualifikationsspiel der deutschen Nationalelf gegen Estland bewiesen. In Tallinn erzielte der 28 Jahre alte Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln zwei Treffer und bereitete den dritten vor.

Gündogan und der militärische Gruß

Zuvor hatten Ilkay Gündogan und sein Auswahlkollege Emre Can mit Instagram-Likes für ein Foto Rückschlüsse auf ihre politische Intelligenz ermöglicht. Das Foto zeigt türkische Fußballer nach dem Siegtor von Cenk Tosun beim 1:0 gegen Albanien mit der Hand an der Stirn. War da was? Syrien, Angriffe der Türkei? Geschütze, die schießen? Menschen, die sterben? Der türkische Verband teilte mit, der Militärgruß sei den bei der „Operation Friedensquelle“ eingesetzten türkischen Soldaten gewidmet gewesen.

Inzwischen haben beide ihre Likes zurückgezogen. „Dass das so eine Dimension annimmt, konnte keiner erwarten“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Wie auch, nachdem ein Foto von Gündogan zusammen mit dem Kollegen Mesut Özil im vergangenen Jahr mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wochenlang für Schlagzeilen und Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalelf gesorgt hat.

Bierhoffs Beschwichtigung

Bierhoff teilte zudem mit, dass auch viele andere Spieler auf der Welt das Foto geliked hätten: „Jetzt kann man ja nicht allen unterstellen, dass sie für Krieg und Terror sind.“ Wie gesagt: Fußballerische Intelligenz ist eine spezielle funktionale Form der Klugheit.

Fehlender Durchblick ist ja auch gemeinhin nicht strafbar, einerseits. Andererseits wird fußballerische Intelligenz belohnt. Im Fall der Herren Gündogan und Can mit gut dotierten Verträgen und einem Leben in der Öffentlichkeit. Das ist mit einem Mindestmaß an Verantwortungsbewusstsein verbunden. Denn Profisportler erfüllen eine Vorbildfunktion. Das ist Teil des Geschäfts, in die üppigen Bezahlung quasi eingepreist.

Ein Radprofi, der gedopt bis zur Halskrause den Tourmalet hinaufstrampelt und dabei erwischt wird, verliert seinen Vertrag, weil er jugendlichen Bewunderern Betrug vorlebt. Ein besoffener Basketballer, der im Sportwagen rote Ampeln missachtet, fliegt zumindest zeitweise aus seiner Mannschaft, weil er gegen Gesetze verstößt. Wie sollte nun ein Statement bewertet werden, das als Sympathiebekundung für einen militärischen Einsatz zumindest missverstanden werden kann?

Sport ist nicht unpolitisch

Natürlich ist einem Berufssportler eine politische Meinung gestattet. Selbstverständlich kann er sich für eine Partei engagieren. Auch ist Sport nicht unpolitisch, selbst wenn es seine Führer behaupten. Sport macht Politik, wie die Vergabe von Milliardenprojekten nach Art einer Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympia zeigt. Doch Athleten dürfen ihren durch Sport erworbenen gesellschaftlichen Rang nicht missbrauchen.

Das hat übrigens die Türkei ganz klar zum Ausdruck gebracht. Im Fall des Basketball-Profis Enes Kanter vom NBA-Team der Boston Celtics. Der 27 Jahre alte Center hatte sich kritisch zu Erdogans Politik geäußert. Er bekannte sich nach dem Putschversuch 2016 zum islamischen Prediger Gülen, dem mutmaßlichen Urheber, über Twitter, ebenfalls über ein soziales Netzwerk also. Sein Account wurde in der Türkei gesperrt. Sein türkischer Pass wurde annulliert.

Ilkay Gündogan wird froh sein, dass ihn hierzulande das Recht auf Meinungsfreiheit immerhin so weit schützt.