Frankfurt - Teamsitzungen der Fußball-Nationalmannschaft unterliegen strengster Geheimhaltung. Es ist aber davon auszugehen, dass Joachim Löw am Dienstag beim Meeting im Teamhotel mit allen Spielern seine weit gediehenen Pläne vorgestellt hat, künftig vermehrt niedrig gewachsene Spieler mit tiefem Körperschwerpunkt nicht nur im offensiven Mittelfeld, sondern auch in der Sturmspitze aufzubieten. Das WM-Qualifikationsspiel in Astana am Freitag (19 Uhr) bietet einen perfekten Anlass, den, großzügig gerechnet, 171 Zentimeter kleinen Mario Götze vorn zu platzieren. Denn der Gegner Kasachstan wird laut Löws Assistent Hansi Flick mutmaßlich „30, 35 Meter vor dem eigenen Tor“ ein Bollwerk aus Köpfen, Körpern und Beinen errichten.

Götze statt Gomez?

Da drängt es sich geradezu auf, statt des einzigen Zentrumstürmers im deutschen Kader, Mario Gomez, wieselflinke Zwerge wie Götze nach dem Vorbild des kleinen großen Lionel Messi um den Strafraum herumwuseln zu lassen und die gegnerische Abwehr durch verwirrenden Kombinationsfußball zu entkernen. „Ich beschäftige mich schon lange mit dem Gedanken, dass unsere Offensivspieler abwechselnd in die Spitze stoßen“, sagt Löw. Beim Test in Frankreich gelang das nach Gomez’ Auswechslung eindrucksvoll, Mesut Özil und der diesmal verletzt fehlende Toni Kroos wechselten sich ab, die Franzosen bekamen keinen rechten Zugriff mehr auf die deutsche Offensive und kassierten das 1:2, nachdem Özil sich hatte zurückfallen lassen und einen perfekten Pass auf den durchgestoßenen Sami Khedira spielte.

Die "spielende Neun"

Götze fehlte im Februar in Paris verletzt, er hat aber bereits dreimal demonstriert, dass er Stürmer kann: Mitte November beim 0:0 im Länderspiel in den Niederlanden, Mitte Februar beim 3:0 gegen Eintracht Frankfurt (mit Note 1) und eine Woche später beim 1:1 in Mönchengladbach, als er nach Pass von Kumpel Marco Reus den Strafstoß zur Führung herausholte und verwandelte. Der vom Fachblatt Kicker offiziell als „besserer Brasilianer“ in die Weltklasse berufene 20-Jährige, der sogar noch in der U 21 spielen könnte, wehrt sich nicht gegen die Rolle, die er gestern als „spielende Neun“ bezeichnete, „man kann da sehr flexibel sein und sich immer wieder ins Mittelfeld fallen lassen“. Zudem habe er in der Jugend „viel vorn im Zentrum gespielt“. Mit einem wie ihm im Sturm, vergisst er nicht zu erwähnen, müssten freilich die Hinterleute wissen, dass sie besser keine hohen oder lange Bälle spielten, sondern flach in den Fuß. Götze versteht es dann, seinen Hintern weit nach hinten rauszudrücken und beim Doppelpass Abwehrspielern keine Möglichkeit zu geben, an den Ball zu kommen. Lieber ist ihm aber die klassische Spielmacherposition.

Das gilt auch für Mesut Özil, der schon bei der U-21-EM 2009 unter Horst Hrubesch mehrfach neben dem ebenfalls als Mittelfeldspieler ausgebildeten Ashkan Dejagah als Stürmer eingesetzt wurde und hinterher sagte, es mache „Spaß, im Angriff zu spielen“. Indes: Vier Tore erzielten die Deutschen nach zuvor nur vier Treffern in vier EM-Spielen erst beim 4:0 im Finale gegen England, als der kräftige Keilstürmer Sandro Wagner spielen durfte.

Auslaufmodell Mittelstürmer

So verlockend die Taktik ohne reine Spitze nach Vorbild des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft denn auch sein mag − eine offensiv ausgerichtete Mannschaft nimmt sich damit die Möglichkeit, mit Flanken von den Außenpositionen auf einen kopfballstarken Mittelstürmer zu agieren und so eine massierte Abwehr aufzureißen. „Es ist“, erläutert Mario Götze nüchtern, „eben eine Frage der Philosophie des Trainers.“ Die steht im DFB-Team mehr denn je auf dem Prüfstand. Bei der EM 2012 hatte Löw noch konsequent auf die Kanten Mario Gomez oder Miroslav Klose gesetzt. Dieses Entweder-oder gibt es nicht mehr. Die Ungeheuer sterben aus. Jedenfalls hierzulande. „Nach England“, berichtet Per Mertesacker erleichtert, „ist das noch nicht so übergeschwappt.“