Nationalmannschaft: Ukraine zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Es sind Riesenplakate, die vor dem neuen Olympiastadion von Kiew hängen. Auf dem einen wird der bevorstehende Auftritt der britischen Alt-Rocker Whitesnake beworben, auf dem anderen das schwedische Popduo Roxette. Zwischen beiden prangt das Konterfei eines Fußballfans, der sich die Gesichtshälften in den Landesfarben Blau und Gelb geschminkt hat und auf das heutige Länderspiel zwischen der Ukraine und Deutschland hinweist.

Es muss ja keine Absicht sein, aber dass nicht einmal einer der aktuellen Protagonisten zur Hauptperson der Plakatierung taugt, hat Aussagekraft. Die Ukraine hat eigentlich zwei offizielle EM-Botschafter: Oleg Blochin, den Trainer, und Andrej Schwetschenko, den Stürmer.

Ukraine-Trainer unter Druck

Blochin, einst stürmende Legende von Dynamo Kiew, hat seine Sozialisation aus Sowjet-Zeiten bis heute nicht abgestreift; der 59-Jährige wirkt mürrisch und selbstherrlich; trotz einer erfolgreichen WM 2006 in Deutschland mit dem Erreichen des Viertelfinales, galt seine Demission vor vier Jahren als folgerichtig. Ihn im April wieder als rettenden Aufbauhelfer zu präsentieren, trug panikartige Züge.

Zuletzt gingen nacheinander Testspiele gegen Tschechien, Frankreich, Schweden und Uruguay verloren und erst ein 2:0 gegen Playoff-Teilnehmer Estland beruhigte die Gemüter der mächtigen Oligarchen und fußballverrückten Finanziers der EM, die von Blochin vor allem eines erwarten: Die Ukraine soll als gesetzter Kopf der Gruppe D mindestens Viertel- und Halbfinale erreichen – trotz Platz 60 in der Fifa-Weltrangliste, hinter Panama oder Burkina Faso.

Nationalmannschaft baut auf Timoschtschuk

„Unser Job ist es, die EM zu gewinnen“, verkündet Blochin in offiziellen Bulletins, aber die einst stilprägende Größe weiß natürlich, dass sich die Realitäten längst anders darstellen. Und wenn für das Spiel gegen Deutschland noch die personellen Probleme überhandnehmen − der Ex-Bundesliga-Stürmer Andrej Woronin ist bereits abgereist −, dann muss die Not auch dokumentiert werden: Blochin hat dafür im Trainingszentrum von Dynamo Kiew ein medizinisches Bulletin in die Kameras gehalten.

Beruhigend zu beobachten, wie der Chef seine Stars im Training behütete: Mittelfeldmann Anatoli Timoschtschuk musste auf Blochins Befehl eine wärmende Wollmütze aufsetzen. Der 32-jährige Edelreservist des FC Bayern, mit 111 Länderspiel-Einsätzen der ukrainische Rekordhalter, spielt in der Nationalmannschaft eine viel dominantere Rolle als im Vereinsteam. „Für mich hat das heutige Duell einen ganz speziellen Charakter“, sagt Timoschtschuk, „ich trage das blau-gelbe Trikot in jedem Spiel voller Dankbarkeit.“

Eigentlich gilt das auch für den in der Hierarchie darüber angesiedelten Schewtschenko, doch am 35-Jährigen nagt sichtbar der Zahn der Zeit. Das 2009 zurückgekehrte Aushängeschild der Ukraine hat die Sinnhaftigkeit einer Turnier-Teilnahme im nächsten Sommer selbst hinterfragt. „Ich werde nur spielen, wenn ich bereit dazu bin. Ich will mich und meine Mannschaft nicht blamieren.“

Blochin dazu: Schewtschenko sei nicht irgendein Fußballer. Und: „Er ist auch ein Mensch von ungeheurer und unbestreitbarer Autorität, und unser Team braucht ihn.“