Muss sich gedulden: Mick Schumacher.
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Berlin/NürburgDie Fahrt zur Rennstrecke verheißt schon nichts Gutes. Die Nürburg im Nebel verhüllt, die Rennstrecke im Nieselregen versunken. Die Gegend wirkt, als befände sie sich im Lockdown. Dabei soll der Große Preis der Eifel an diesem Wochenende Hoffnung verbreiten im Corona-Jahr. Es ist schon das elfte Formel-1-Rennen der Saison, das unter Aufsicht von mobilen Laboren und Fiebermessgeräten am Eingang ausgetragen werden kann. Das Rennen morgen soll die Veranstaltung mit der größten Zuschauerzahl bei einem Sportereignis in Deutschland seit März werden. Der größte Risikofaktor ist das tückische Eifelwetter, nicht immer um diese Jahreszeit unbedingt cabriofreundlich. Die Experten von „auto, motor und Sport“ tadeln alle Kritiker: „Es ist nass, es ist neblig, es ist kalt: die Eifel eben.“ Für die Reifen könnte das auch am Sonntag ein Problem werden.

Wenn Rettungshubschrauber nicht starten können, dürfen keine Rennwagen fahren. Deshalb muss das erste offizielle Training, an dem Mick Schumacher teilnehmen sollte, erst von 11 Uhr auf 11.30 Uhr verlegt und dann ganz abgesagt werden. Aber auch zur zweiten Einheit wurde es nicht besser. Um 15 Uhr hätte das letzte Freie Training des Tages über eineinhalb Stunden beginnen sollen, um 16 Uhr strich die Rennleitung auch diese Session.

Eingehüllt in eine dicke Winterjacke legte der tatenlos gebliebene 21 Jahre alte Mick Schumacher seine Rennfahrerhandschuhe auf den Alfa Romeo mit der Startnummer 37, der Reservezahl von Alfa. Einzig erkennbares Zeichen für seine Enttäuschung war ein Kopfschütteln, als er die Boxengasse verließ. „Ich wäre gerne gefahren, aber Sicherheit geht vor“, sagte er später, im Trockenen. Im Prinzip sei er schon „happy“, überhaupt vor Ort zu sein: „Das ganze Drumherum kennenzulernen und zu sehen, wie das Innenleben eines Formel-1-Teams funktioniert, hat mir schon viel gebracht.“ 

Wie schön wäre es auch gewesen, wenn sich fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem ersten Titelgewinn seines Vaters mit Ferrari ein Kreis geschlossen hätte. Jetzt muss sich der Führende der Formel 2, für den es am Saisonende nur Aufstieg oder Ausstieg geben kann, vermutlich am 23. Oktober im portugiesischen Portimao für eine Grand-Prix-Karriere warmfahren. Vertagt ist damit auch das direkte Ausscheidungsfahren gegen den zweiten Ferrari-Junior Callum Ilott, der im Haas-Rennwagen hätte Platz nehmen sollen. „Jede Chance, die ich bekommen kann, möchte ich nutzen“, sagt Mick Schumacher. „Ich hoffe, dass es das nächste Mal klappt. Ich werde weiterhin so hart an meinem Traum von der Formel 1 arbeiten, wie ich kann.“ 

Dass sein Traum demnächst in Erfüllung gehen wird, steht außer Frage. Das bestätigte am Nürburgring auch noch mal Mattia Binotto. Der Teamchef von Ferrari sagte: „Ich denke, er wird bald in die Formel 1 kommen. Wir werden in den kommenden Wochen entscheiden, was das Beste für ihn und die anderen Akademie-Fahrer in der Formel 2 ist. Wir brauchen ein paar Tage, um darüber nachzudenken. Abu Dhabi wäre die nächste Gelegenheit. Wir werden versuchen, da etwas zu arrangieren.“ Mick Schumacher sei „sehr gut in der Formel 3 gewesen, in der Formel 2 hat er viel gelernt und gute Fortschritte gemacht. Jetzt muss er fokussiert bleiben, in der Formel 2 stehen nur noch die Rennen in Bahrain auf dem Programm.“

Hamilton jagt Michael Schumachers Rekord

Lange noch glomm nach dem ausgefallenen Debüt die Startliste auf den Zeitenmonitoren am Nürburgring. Sie führte Mick Schumacher auf einem imaginären 15. Rang, immerhin einen Platz vor Lewis Hamilton, der im Rennen am Sonntag die nächste Chance hat, mit seinem 91. Sieg den Rekord von Michael Schumacher zu brechen. Vielleicht bekommt der aus dem Dornröschenschlaf befreite Nürburgring, schon als Investitionsruine verlacht und zum Spielball von Investoren geworden, so eben doch noch sein Highlight.

Wie viele der 15.000 Motorsport-Fans, die Tickets für die überraschende Rückkehr der Königsklasse nach Deutschland gekauft haben, dann tatsächlich an der Rennstrecke sein werden, hängt von der weiteren Einstufung der Risikogebiete ab. Ursprünglich sollten 20.000 Fans zugelassen werden. Einigen Zuschauern musste die Betreibergesellschaft am Nürburgring bereits absagen, in manchen Fällen war da die Reise schon angetreten. Aber die Drehkreuze sind entsprechend elektronisch programmiert. Rote Lampen haben dann die gleiche Bedeutung wie in der Boxengasse. Im Fahrerlager muss Tabellenführer Mercedes sechs positiv getestete oder mutmaßlich infizierte Mitarbeiter aus der zweiten Reihe ersetzen und hat bereits Ersatz aus England einfliegen lassen. „Ich bin besorgt“, sagte Lewis Hamilton.

„Wir haben Euch vermisst“, war am Freitag auf einem Transparent an einem Wiesenhang zu lesen. Dass es sich nicht um einen offiziellen Großen Preis von Deutschland handelt, stört keinen. Damit sind die Veranstalter einem möglichen Rechtestreit zwischen den hiesigen Motorsportverbänden aus dem Weg gegangen. Auf dem Nürburgring wurden auch schon Große Preis von Europa und von Luxemburg ausgetragen. Hauptsache, es wird überhaupt gefahren. Da lag die Anlehnung an die berühmten und berüchtigten Eifel-Rennen nahe. Aus der jüngeren Rennhistorie weiß man, dass Michael Schumacher vor 25 Jahren als erster Deutscher ein Formel-1-Rennen auf deutschem Boden gewonnen hat, damals übrigens am ersten Oktober-Wochenende. Letzter Formel-1-Sieger auf dem Ring war Sebastian Vettel im Jahr 2013, der Ferrari-Pilot kommentierte das mit einem Grinsen: „Ich bin hier der Titelverteidiger.“