Berlin - Hertha BSC kämpft sich auf die vorderen Plätze in der Bundesligatabelle – und es beginnt die Debatte um einen Stadionneubau. Das Schema ist inzwischen gut etabliert. Der Verein brauche, erfuhren auch jetzt wieder die Teilnehmer des Neujahrsempfangs nach Medienberichten, dringend einen Neubau. Aus wirtschaftlichen Gründen, weil das Olympiastadion zu viel Miete koste; aus sportlichen Gründen, weil das Spielen vor halbleeren Rängen mit 74.000 Sitzplätzen unzumutbar sei. Und der Werbung wegen: Der „Hauptstadtverein“ erscheine dann auch modern genug.

Bis 2025 solle der Neubau stehen. Dabei wurde das Olympiastadion doch schon für die Weltmeisterschaft 2006 nach allen Anforderungen der FIFA, des DFB und der Hertha radikal umgebaut. Die Architekten von von Gerkan, Marg und Partner (GMP) durften im Olympiastadion trotz energischer Proteste der Denkmalpflege tief in die historisch gewordene Bausubstanz eingreifen. 246 Millionen Euro kostete das, von denen der Bund allerdings 196 Millionen übernahm.

Welterbe Reichssportfeld

Selbstverständlich steht der Bau auf der Denkmalliste, genau so wie das gesamte Gelände mit dem Schwimmstadion, dem monumental von Tribünen eingerahmten Maifeld, den niedrigeren Bauten des Deutschen Sportforums, dem Hockeystadion, der Waldbühne und dem schon für die 1916 wegen des Ersten Weltkriegs abgesagten Olympischen Spiele errichteten Reiterstadion. Doch sogar die Steigungskurve der Sitzränge konnte GMP verändern, und die Rennbahnen wurden auf Wunsch von Hertha BSC knallblau eingefärbt – ein ästhetischer Graus, aber sehr werbeträchtig für den Verein.

Schon um 2000 wurde angeregt, das Berlin und München gemeinsam ihre Olympiastadien für das Welterbe der Unesco anmelden sollten. Beide Gelände zeigen, was der Sport für eine künstlerische Wirkung haben kann und wie unterschiedlich sich das Selbstbild einer Gesellschaft materialisiert: In Berlin die auf gerade Achsen angelegte, monumentale Version, wie sie der prägenden, bürgerlichen Gesellschaftsidee der Kaiserzeit bis in die Nazizeit entsprach; in München die heitere Weltoffenheit, die das Selbstbild der bundesdeutschen Gesellschaft der Post-68er prägt.

Trotzdem waren die Radikalumbauten in Berlin möglich, weil viele Politiker, ihre Wähler und offenkundig auch Hertha BSC den Denkmalschutz oft nur als Formalie betrachten, die überwunden werden kann. Siehe jüngst etwa die Skandal-Projekte für den neuen Innenraum der Hedwig-Kathedrale.

Kritik vom Landesdenkmalamt

Aber noch kämpft das Landesdenkmalamt: Daniel Bartsch, der Pressesprecher von Kultursenator Klaus Lederer, zur Berliner Zeitung: „Ein Stadionneubau auf dem Gebiet des Reiterstadions oder des Hockeystadions wird abgelehnt, weil beide Teil des Gartendenkmal sind.“ Kritisch sieht das LDA die Idee eines Neubaus an: Das Olympiastadion verliere damit „in der Hauptsache“ seinen Nutzen und komme so in Gefahr.

Tatsächlich zeigt alle Erfahrung etwa aus Amsterdam oder München, dass mit dem Neubau eines Stadions in Konkurrenz zu einem bestehenden Stadion dessen Verfall einsetzt. Hertha BSC will dem immerhin vorbeugen: Große Spiele, die des Pokalfinales und der Nationalmannschaft etwa, sollen weiterhin im alten Olympiastadion stattfinden. Nur für den Alltag benötige man den Neubau.

Denn nur in einem solchen, darüber wird kaum gesprochen, sind die für alle Werbeeinnahmen zentrale „Kesselwirkung“ mit jubelnden Fans direkt am Spielfeld und die entsprechenden Drama-Perspektiven für die Fernsehkameras möglich. Das alte Stadion ist dafür schlichtweg zu weitläufig und zu rund: Kameras benötigen für spannungsreiche Aufnahmen halbwegs gerade ausgerichtete Ränge.

Die Hertha-Manager rechnen für den Neubau mit etwa 50.000 Plätzen um die 120 bis 150 Millionen Euro. Die schon 2006 für Bayern München eingeweihte Allianz-Arena kostete allerdings – trotz vorfristiger Abtragung aller Kredite! – 346 Millionen Euro. Aber sie ist sicher größer – 19.000 Plätze, also 38 Prozent – und architektonisch anspruchsvoller als das, was man in Berlin plant. Man ahnt hinter der überaus knappen Hertha-Kalkulation die Hoffnung auf Geld vom Senat oder gar vom Bund.

Wer zahlt?

Doch wohin überhaupt mit dem Neubau? Die Idee eines Umzugs nach Brandenburg ist im Hohn der Fans und der Öffentlichkeit wohl auf Dauer versenkt worden. Infrage kämen also die Aufgebung des Denkmalschutzes für das zierliche Reiterstadion und für das Hockeystadion. Oder, nach Angaben von Kennern des Geländes und der Hertha, ein Bau auf dem bisherigen Amateurstadion. Hier ließe sich ein Neubau in das strenge Achsenkreuz des Olympiageländes einfügen und könnte dessen vorzügliche Anbindung an U- und S-Bahn weiter nutzen. Allerdings, eine „einfache“ Architektur, wie sie zur Kostenersparnis von der Hertha angeblich vorgeschlagen wird, die wäre hier vollständig inakzeptabel.

Kurz: Die Nöte von Herta BSC sind real, aber Berlin und der Bund haben darauf mit dem Radikalumbau des Olympiastadions bereits reagiert. Wenn der Verein nun neben diesem Repräsentationsstadion auch noch ein dem realen Publikumsaufkommen angemessenes, fernseh- und damit werbungsgerechtes Kesselstadion will, müsste er eigentlich wie einst Bayern-München auch selbst zahlen? Der Öffentlichkeit bleiben nämlich immer noch die Betriebs- und Instandhaltungskosten des Olympiastadions.