Eisbären-Spieler Lukas Reichel hat mit 17 Jahren noch Gitterpflicht.
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Berlin-HohenschönhausenSeit Donnerstag kämpfen die Teams der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wieder um Punkte, die Eisbären sind heute Abend mit dem Spiel in Bremerhaven (19.30 Uhr) mit von der Partie.   Im Gegensatz zu den Vorjahren, als der Deutschland Cup eine in sich geschlossene Veranstaltung war und schon wenige Tage später niemand mehr ein Wort darüber verloren hat, wirkt der Auftritt der Nationalmannschaft diesmal nach. 

Stefan Schaidnagel, der beim Deutschen Eishockey Bund (DEB) seit 2015 offiziell als Bundestrainer Wissenschaft und Ausbildung angestellt ist,  fordert, dass bis 2026 nur noch sechs Ausländer pro DEL-Team zulässig sind. Derzeit dürfen neun pro Spieltag im Kader stehen, elf darf jeder Verein unter Vertrag haben. „Das ist der einzige richtige Weg“, sprang ihm Präsident Franz Reindl zur Seite.

Vorbild Lukas Reichel

Seitdem diskutiert die Branche angeregt darüber, ob ein solcher Einschnitt a) sinnvoll und b) realisierbar ist. Früher wären solche Vorschläge von den Ligavertretern milde weggelächelt worden.  Aber jetzt, wo sich die Nationalmannschaft Anerkennung erspielt hat, zeigen sich die DEL-Verantwortlichen zumindest gesprächsbereit.

Eisbären-Sportdirektor Stéphane Richer sagte am Donnerstag: „Wir haben  schon einen Plan für den Nachwuchs.“ Der DEL-Stufenplan sieht vor, dass bis zur Saison 2023/2024 von 19 Feldspielern mindestens drei der Altersklasse U23 und jünger angehören und zudem für eine deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt sind. „Aber wir haben beschlossen, dass sich DEL, DEL und DEB zusammensetzen, um Entscheidungen zu treffen, was das Beste für das deutsche Eishockey ist.“  Eine Kontingentreduzierung würde die Vereine schließlich vor große Herausforderungen stellen.

Bei den Eisbären Juniors, wo die Ausbildung des EHC-Nachwuchses stattfindet, gibt es dennoch eine klare Meinung zum DEB-Vorstoß: „Ich bin klar dafür“, sagt Geschäftsführer Marc Dannbeck. „Es kann natürlich sein, dass die Liga vorübergehend schwächer wird, aber junge Spieler müssen sich entwickeln können.“ Lukas Reichel, 17, verzückt derzeit als zweitbester Eisbären-Scorer den Klub. Dannbeck aber ist überzeugt: „Mit seinem Talent hätte er auch schon letztes Jahr DEL spielen können.“

Den eigenen Nachwuchs stärken

Reichel, Fabian Dietz, der zweite vorgeschriebene U23-Profi im aktuellen Kader, oder auch Jonas Müller und Kai Wissmann, die inzwischen gestandene Profis sind, werden aufgeführt, um die Entwicklungschancen junger Profis zu zeigen. Juniors-Geschäftsführer Dannbeck sieht trotzdem, „dass viele junge Spieler keine Chance haben“. Der Schritt von der Deutschen Nachwuchs-Liga (DNL) ins Profieishockey ist schwer.

Die Forderungen, den eigenen Nachwuchs zu stärken, setzen eine entsprechende Infrastruktur voraus. Während Vereine wie Bremerhaven gezwungen wären, ernsthafte Nachwuchsarbeit zu betreiben, anstatt wie bisher vor allem auf das Modell Einbürgerung zu setzen, müssten sich auch die Eisbären überlegen, wie sie mit München (Red-Bull-Akademie) und Mannheim als DNL-Seriensieger mithalten können.

Es kann natürlich sein, dass die Liga vorübergehend schwächer wird, aber junge Spieler müssen sich entwickeln können.

Eisbären-Juniors-Geschäftsführer Marc Dannbeck

Die Juniors träumen ja schon lange von einer weiteren Halle im Sportforum, um ein bis zwei weitere Eisflächen zu betreiben. „In 15 Jahren  könnten wir jedes Jahr einen NHL-Spieler bereitstellen“, lautet seine Vision. Schon vor dem Boom, den Olympiasilber ausgelöst hat, mussten die Juniors jährlich zahlreiche Kinder, also potenzielle spätere Profis, ablehnen.

„Pro Jahrgang haben wir rund 50 Kinder, von denen wir nur 30 aufnehmen können“, erklärt er. „Und das Schlimme ist: Wir haben keinen Platz für Quereinsteiger, die vielleicht erst etwas später zum Eishockey gekommen sind.“ Dass wenige Meter vom Wellblechpalast entfernt derzeit eine Schusshalle für 1,5 Millionen Euro entsteht, wo die Spieler zukünftig ihre Fähigkeiten beim Abschluss verbessern können, sei ein wichtiger Schritt, aber er reiche eben nicht aus. Zum Vergleich: In München entsteht derzeit eine gemeinsame Basketball- und Eishockeyarena mit drei zusätzlichen überdachten Eisflächen.

Dresden rüstet auf

Aber nicht nur der Vergleich mit dem Branchenprimus bereitet Dannbeck Sorgen. Selbst die Dresdner Eislöwen, die wie die Eisbären und zehn weitere Klubs die Auszeichnung „Fünf Sterne“ für herausragende Nachwuchsarbeit erhalten haben, tüfteln an einer besseren Zukunft. „Sie haben schon zwei Eishallen und bauen noch eine“, weiß Dannbeck. „Bei der Nachwuchsarbeit werden sie im nächsten Jahrzehnt an uns vorbeiziehen“, glaubt er.

Spannend wird es zudem, wenn es ab der kommenden Saison wieder Auf- und Abstieg zwischen DEL und DEL 2 gibt. Derzeit verstehen sich viele Zweitligisten als Farmteams und setzen die jungen Spieler ein, die die DEL-Klubs noch nicht für reif genug halten. Sobald es um Existenzkampf geht und sich Partner womöglich eines Tages gegenüberstehen, könnte sich auch die Bereitschaft zur Kooperation neu ausrichten.

Wie schwierig es wohl sein wird, die Interessen von DEB und DEL zu vereinen, offenbarte auch Nationalspieler Marcel Noebels: „Für die deutschen Spieler wäre das sicher eine gute Sache, aber die Vereine müssen geduldig sein.“ Und Geduld im Profisport ist bekanntlich selten.