Neuer Sportpark für den 1. FC Union: Berlin Eine Absichtserklärung des Senats sorgt für Unruhe

Für einen Moment sieht es aus, als spielten Uwe Spalteholz und Matthias Loose Quartett. Ein Aktenquartett. Erst zieht Spalteholz, der 1. Vorsitzende des SSV Köpenick-Oberspree, aus einem dicken Ordner ein Dokument.

Dann legt Schatzmeister Loose aus seinem Ordner ein Dokument daneben. Sperrige Formulierungen stehen darauf, zum Beispiel: „Aufgabe einer überwiegenden Teilfläche der Sportanlage Bruno-Bürgel-Weg 63, 12439 Berlin-Schöneweide zu Gunsten des Nachwuchsleistungszentrums des 1. FC Union Berlin.“ Und dann: „Absichtserklärung – Letter of Intent – zur Errichtung/Weiterentwicklung eines Nachwuchsleistungszentrums für den 1. FC Union.“ Sticht!

SSV Köpenick-Oberspree gefährdet

Dies ist die Geschichte eines Bauprojekts in bester Spreelage, in einem jener Kieze Berlins, die zu boomen beginnen. Es ist die Geschichte zweier Fußballvereine, eines mit integriertem Profiteam und eines Kreisligisten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller spielt darin eine wichtige Rolle, ebenso der Präsident des 1. FC Union, Dirk Zingler. Beide haben diesen Letter auf Intent im September 2016 unterschrieben. Dramatisch formuliert, könnte das Dokument den SSV Köpenick-Oberspree in seiner Existenz gefährden.

Spalteholz und Loose sehen es jedenfalls so. Sie befürchten, dass an der Stelle, an der sie gerade sitzen und Akten wälzen, dass an der Stelle ihres Vereinsheims mit den angrenzenden Fußballplätzen in drei Jahren das Amateurstadion des 1. FC Union entsteht. Sportpark Oberspree soll die Anlage heißen.

„Offen gesprochen wird ja mit uns nicht“

Gesagt haben ihnen das weder Müller noch Zingler, genau das aber ist das Problem. Die Leute vom Kreisligisten bekamen den Letter of Intent zugespielt, und als sie § 3 lasen, verschlug es ihnen die Sprache. Darin ist dezidiert geregelt, dass sie in einer bestimmten Konstellation das Feld räumen und auf die andere Seite der Spree umziehen müssen. Sorge erregt bei Spalteholz und seinen Mitstreitern die Formulierung: „zeitnah“ (siehe Kasten nebenan). Wie Detektive haben sie Indizien gesammelt. „Offen gesprochen wird ja mit uns nicht“, sagt Loose.

Die existenzielle Bedrohung für den SSV steckt zwischen zwei Bauphasen. Phase 1 betrifft das neue Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Union. Es wird in der Nachbarschaft des Kreisligisten errichtet, Bruno-Bürgel-Weg 63. Vordergründig geht es dabei um die Frage, wie die Zufahrten zu den angrenzenden Vereinen verlaufen. Es geht um Kompromisse, auf die sich alle Beteiligten verständigen können, was noch nicht passiert ist, nicht bei Treffen am 24. Mai, am 15. Juni, auch nicht am 27. Juli. Allerdings, unmöglich erscheint das nicht.

Wurzeln in Gefahr

Besonders brisant für den SSV Köpenick-Oberspree ist nun aber Bauphase 2. Sie betrifft das Amateurstadion. Es soll direkt neben dem Nachwuchsleistungszentrum entstehen. Wenn das möglich ist. Die Indizien, die in den Aktenordnern von Spalteholz und Loose schlummern, sprechen jedoch dagegen. Die betreffenden Grundstücke sind langfristig verpachtet oder verkauft. Eine ehemalige Batteriefabrik könnte im Erdreich giftige Spuren hinterlassen haben.

Das Gelände des SSV befindet sich bereits in städtischem Besitz. Der Pachtvertrag dafür läuft 2021 aus. Eine vorzeitige Verlängerung wurde dem Verein verwehrt. Für 2021 ist der Beginn von Bauphase 2 anberaumt. Ein Zufall möglicherweise. Oder ein weiteres Indiz.

„Uns ärgert, dass wir so lange im Ungewissen gelassen werden“, sagt Andreas Franke. Der 2. Vorsitzende ist an den Tisch gekommen, auf dem sich die Akten stapeln. Er sagt: „Uns ärgert, dass man uns nicht sagt: ,Passt auf Leute, so und so sieht es aus, seit nicht überrascht, wenn ihr 2021 hier weg müsst’. Stattdessen wird mit uns Pingpong gespielt.“ Bei Nachfragen habe Union auf den Senat verwiesen und der wiederum auf Union. „Auch noch, nachdem Zingler und Müller ihre Unterschrift unter die Absichtserklärung gesetzt hatten“, sagt Franke. Am 16. beziehungsweise 20. September 2016.

Immerhin: An 17. November können sich die Leute vom SSV und die anderen betroffenen Vereine, der Tennisclub Berlin-Oberspree und der Motorwassersportclub, im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses äußern. Danach muss im Plenum das Projekt beschlossen werden. „Wir wollen erreichen, dass mit Phase 1 nicht auch Phase 2 beschlossen wird“, sagt Franke. Dass die Entscheidung über ein Amateurstadion auf dem jetzigen Gelände des SSV nicht im Windschatten des Nachwuchszentrums fällt.

Nicht nachvollziehbare Entscheidung

Die FDP-Fraktion hat bereits ihre Unterstützung zugesagt. Stefan Förster, Sprecher für Bauen und Sportpolitik aus Köpenick, ist auf den SSV zugekommen und hat sich am Montag vor Ort ein Bild der Lage gemacht. Er will nach der Sitzung des Sportausschusses am Freitag einen Antrag einbringen, dass im Abgeordnetenhaus über die Phasen 1 und 2 gesondert abgestimmt wird. „Sollte das Nachwuchsleistungszentrum kommen, was aus Kapazitätsgründen aus Sicht von Union nachvollziehbar wäre, muss ein Amateurstadion ja nicht direkt danebenliegen.“

Nicht nachvollziehbar sei, sagt Förster, warum der 1. FC Union ein angebotenes Gelände in der Nachbarschaft des Freizeit- und Erhohlungs-Zentrums (FEZ) nicht akzeptiert habe. Eine schriftliche Kopie der Zuweisung durch den Bezirk hat Spalteholz in seinen Akten.

Loose zieht aus seinem Ordner ein anderes Dokument. Es ist die Stellungnahme, die sie am Freitag verlesen wollen. Sie verweisen auf eine Prüfung des Sportamtes Treptow-Köpenick von 2014, der zufolge die Gelände am Bruno-Bürgel-Weg 63 und 99 für ein Vorhaben der Größenordnung eines Nachwuchszentrums mit angeschlossenem Stadion ungeeignet sei. „Inzwischen hat sich das Sportamt des Bezirks um 180 Grad gedreht“, sagt Loose.

Dort, wo er, Spalteholz, und Franke jetzt sitzen, wo Pokale in Regalen stehen und von 110 Jahren Klubgeschichte erzählen, könnte in ein paar Jahren die Tribüne des Amateurstadions gebaut werden. Doch es ist nicht so sehr die Geschichtsträchtigkeit des Standortes, die den Umzug zu einem Desaster für den Amateurverein machen würde, nicht der Umstand, dass der SSV Köpenick 1987 bereits seinen Sportplatz in Spindlersfeld zu räumen hatte, weil er laut Beschluss der SED für einen anderen Verein weichen musste; zur Wende wurde ein weiterer Zwangsumzug fällig.

Spree als natürliche Barriere

Bei einer neuerlichen Verpflanzung des SSV würden lebenswichtige Wurzeln gekappt. „Wir hatten zuletzt einen Zuwachs von 30, 40 Prozent bei Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen“, sagt Vereinsvize Franke. Der Kiez rund um den Bruno-Bürgel-Weg wird gerade als Wohngebiet erschlossen, schon jetzt übernimmt der SSV eine soziale Funktion. „Wenn wir drüben am anderen Ufer landen, kommen diese Kinder nicht mehr zu uns“, meint Franke. Die Spree wirke wie eine natürliche Barriere. „Und drüben, auf der anderen Seite, haben wir es mit einer ganz anderen Altersstruktur zu tun.“

Von den 100.000 Euro, die sie in die Rekonstruktion des völlig maroden Vereinsheims gesteckt haben, das frühere Domizil der SG Narva, wollen sie gar nicht anfangen, sagt der 2. Vorsitzende, auch nicht von den mehreren 10.000 Euro, die seit dem Einzug 2001 in die Erhaltung der Anlage geflossen sind: „Das ist alles in Eigenleistung passiert.“

„Vorlage – zur Beschlussfassung“

Schatzmeister Loose legt zusammengetackerte Zettel auf die Seite. „Abgeordnetenhaus“ steht auf dem Deckblatt: „Drucksache 18/0542“, daneben das Datum „21.09.2017“ und darunter: „Vorlage – zur Beschlussfassung“. Punkt F schlüsselt die Gesamtkosten für Bauphase 1 auf. Mit insgesamt 14,75 Millionen Euro wird kalkuliert. Das Land gibt 8,8 Millionen Euro dazu. Aus dem Topf der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Loose schaut aus dem Fenster. Draußen liegt die ehemalige Batteriefabrik im Sonnenschein. „Es ist doch tatsächlich noch mal schön geworden“, sagt Loose. Dann heftet er die Akten wieder ab und schließt seinen Ordner.