Plötzlich war er da, der kleine Moment, in dem Neu-Union-Trainer Jens Keller die Mundwinkel nach unten rutschten. Lutz Munack, Geschäftsführer Sport der Köpenicker, bestätigte gerade, dass sich am Ziel Top 20 nichts geändert habe, nur dass man damit eben keinen Zeitdruck habe.  „Nein“, beschwichtigte der 45-jährige Keller sofort. Die Geste habe nichts damit zu tun, dass er mit dem Ziel oder dem Zeitplan nicht übereinstimme. Es sei nur so schrecklich heiß. Und das lange Stehen in der schwülen Luft der gut gefüllten Eisernen Lounge im Stadion an der Alten Försterei sei eben anstrengend. „Stühle wären angebracht“, ließ er alle auf der anderen Seite des Stehpult Sitzenden wissen.

An das Stehen bei Pressekonferenzen wird er sich gewöhnen müssen. Sonderlich schwerfallen dürfte ihm das nicht. „Union ist ein toller Verein“, sagte Keller. „Ich freue mich wahnsinnig auf die Aufgabe und auf die Ziele mit dem Klub.“

Es ist sind die typischen Sätze, die kein neuer Trainer bei seiner Vorstellung vergessen darf: Geboren, um da zu arbeiten, gewissermaßen. Keller nimmt man sie ab. Ruhig und unaufgeregt hielt er sich am Pult fest, ließ Frage nach Frage über sich ergehen und überraschte mit der einen oder anderen humorvollen Antwort, für die bis dahin eher André Hofschneider zuständig gewesen war.  Der allerdings ist mittlerweile unpässlich und war der dritte Trainer in einer Saison der Unioner, die man aus dieser Perspektive rückblickend als durchwachsen ansehen muss.

So war das Interesse groß am Neuen, Jens Keller, bei seiner gestrigen Vorstellung. Die Schlagzeilen soll nun aber die Mannschaft auf dem Platz bestimmen und nicht der Mann an der Seitenlinie – oder die Suche nach ihm. Nun ist er da und bereit das große Ziel mitzugestalten. Er selbst dämpfte sofort überzogene Erwartungen. „Der Verein hat das Ziel klar formuliert“, sagte er. „Das heißt aber nicht zwangsläufig sofort Platz zwei in der Tabelle. Wir denken auch an Zuschauer, Umsatzzahlen und mehr.“ Keller, ehemaliger Schalke-Trainer, weiß zu gut, dass klar definierte Ziele auch schnell zu einer Anspruchshaltung mit gefährlicher Eigendynamik werden können. Deshalb steht in den nächsten Tagen zuerst die intensive Arbeit mit der Mannschaft an. „Ich stelle das Kollektiv in den Vordergrund. Wer gegen dieses Kollektiv arbeitet, wird Probleme mit mir kriegen“, sagte er. Für einen kurzen Augenblick hätte man glauben können, dass seine bereits beeindruckenden Oberarme, die sein weißes Polohemd spannen ließen, in diesem Moment noch ein bisschen größer wurden. Doch Keller ist kein Vertreter einer überholten Fußballschule. Kommunikativ beschreibt er sich.  Jemand mit klarer Spielphilosophie.

Der Bobby-Wood-Ersatz

Die Kaderplanung soll bereits in den nächsten Tagen abgeschlossen sein. Das wäre vor dem Hintergrund des langen Transferfensters sehr früh. Für Keller, der in den nächsten Tagen die Mannschaft im Detail kennenlernen und nach zwei Trainingslagern auf das große Ziel Top 20 einschwören muss, allerdings folgerichtig. In die Karten gucken lassen wollte er sich allerdings nicht. Philipp Hosiner wird in Köpenick noch immer hoch als Bobby-Wood-Ersatz gehandelt. Und am Nachmittag wurde die Verpflichtung vom dänischen Linksverteidiger Kristian Pedersen bekanntgegeben, einem  U 21-Nationalspieler vom Zweitligisten HB Köge, der einen Dreijahresvertrag bekommt. Dafür lassen die Eisernen Leonard Koch nach Babelsberg ziehen.

Das Grundgerüst des Kaders steht. Die Vertragsverlängerungen von Toni Leistner und Felix Kroos könnten ein Indiz  sein, dass Keller  taktisch seiner Zeit auf Schalke treubleibt. Eine aktive Mannschaft, sowohl offensiv als auch defensiv, mit schnellem Umschaltspiel. Auch die Vertragsverlängerungen am Ende der letzten Spielzeit (Pogatetz, Parensen) initiierte er. Alles Spielertypen, die man für seine Vorstellung vom Fußball braucht.

Für die Umsetzung seiner Vorstellung bleibt ihm noch bis Anfang August Zeit. Dann startet die Saison und mit ihr ein neuer Anlauf der Köpenicker, dieses kühne Ziel Top 20 zu erreichen, also Bundesliga in der übernächsten Spielzeit und zwar in einer Saison, in der die Zweite Liga wohl so ansprechend besetzt ist wie selten mit den Absteigern Hannover und Stuttgart. 

Ende August wartet erst mal der MSV Duisburg in der ersten Runde des DFB-Pokals. „Mit dem DFB-Pokal-Aus in der ersten Runde kenne ich mich ja schon bei Schalke aus“, sagte Keller mit Ironie und einem breiten Lächeln in Bezug auf den kleinen Pokalfluch der Eisernen.

Einen kleinen Wermutstropfen dazwischen gab es dann allerdings dennoch. Nachdem er seinen ersten öffentlichen Auftritt in der schwülen Luft der Eisernen Lounge souverän hinter sich gebracht hatte, hätte man ihm am liebsten gewünscht, dass er sich in eine gut temperierte Wohnung zurückziehen kann. Daraus wurde nichts. Sein für gestern geplanter Umzug verschiebt sich. Nun muss er nicht nur die Vorbereitungen für das erste Training am Sonntag treffen, sondern auch einen Platz für seine Möbel finden. „Aber: Ich wohne in Köpenick“, schob Keller noch hinterher. In diesem Moment rutschten die Mundwinkel ein bisschen nach oben.