Neuruppin - Sehnsüchtig schweifte sein Blick über den Trainingsplatz, auf dem sich die Kollegen tummelten. Während die neuen Kameraden unter Anleitung von Ante Covic am zweiten Tag des Trainingslagers in Neuruppin das vom Trainer anvisierte Gegenpressing übten, schuftete Dedryck Boyata auf einem Nebenplatz fast anderthalb Stunden mit Fitness-Coach Hendrik Vieth, um schon bald Teil der Gruppe zu sein. Ausgepumpt verfolgte Herthas neuer Verteidiger die letzten Minuten der Vormittagseinheit von der Seitenlinie.

Covic weiß als ehemaliger Profi um das Seelenleben eines verletzten Mannschaftssportlers. „Wichtig ist, dass er sich hier im Kreis der Mannschaft bewegt und die Nähe des Teams spürt.“ Auf einen genauen Zeitplan, wann der Belgier mittendrin statt nur dabei ist, will sich der Kroate allerdings nicht festlegen. Nach so einer langen Verletzung müsse man sehen, wie der Köper reagiert. „Ich lasse ihn lieber einen Tag länger draußen, als ihn zu früh reinzuschmeißen, nur weil sein Herz blutet“, erklärt Covic.
Intensive Bemühungen

Boyata hat keinen Zimmergenossen

Um Aufnahmeprobleme muss sich der neue blau-weiße Cheftrainer allerdings keine Sorgen machen – obwohl Boyata im am Ruppiner See gelegenen Teamhotel keinen Zimmergenossen hat. Wohl fühle er sich bereits, „auch wenn ich noch nicht alle Namen kenne“, sagt er zum Einstand. Dennoch scheint der 28-Jährige bereits bestens integriert zu sein, als er flachsend und mit breiten Grinsen zusammen mit Karim Rekik, Salomon Kalou, Per Skjelbred und Vedad Ibisevic vom Mittagessen kommt.

Lange und intensiv hatten sich die Berliner um Boyata bemüht. Bereits vor der vergangenen Saison soll Hertha Celtic Glasgow fünf Millionen Euro für den Nationalspieler des WM-Dritten geboten haben. Dass er nun ein Jahr später ablösefrei aus Schottland an die Spree kommt, lag an der Überzeugungsarbeit von Manager Michael Preetz. „Ich hatte mehrere Optionen. Aber die Gespräche mit ihm waren gut. Er hat die richtigen Worte gefunden und es mir nicht schwer gemacht“, erzählt Boyata. Ähnlich hartnäckig wie Preetz verhält sich zu seinem Leidwesen auch die Oberschenkelverletzung, die er sich bereits Ende März im sogenannten Old Firm, dem berüchtigten Glasgower Derby, gegen die Rangers zugezogen hatte.

In Molenbeek aufgewachsen

Auf die Insel ging es für den im Brüsseler Vorort Molenbeek aufgewachsene Boyata bereits mit 16 Jahren. Allerdings zunächst nach England in die Akademie von Manchester City. Mit 19 debütierte er in der Premier League. Aber mit dem Großinvestor aus Abu Dhabi kamen auch die großen Stars zu den Citizens. „Dann wurde es schwierig für mich als damaliges Talent“, berichtet Boyata, dessen Vater aus dem Kongo stammt. Es folgten Leihen zu den Bolton Wanderers und Twente Enschede, bevor er vor vier Jahren zu Celtic wechselte.

Auch wegen seines Werdegangs macht sich Covic keine Sorgen. „ Er ist ein erfahrener Spieler, keiner, der 1999 oder 2000 geboren ist und aus der Akademie kommt. Er hat schon vieles in seiner Karriere erlebt und ist sehr professionell.“ Boyata selbst beschreibt sich als sehr vielseitigen Spieler. Mit zwölf Jahren habe er noch im offensiven Mittelfeld gespielt und Thierry Henry als Vorbild gehabt. Von Jahr zu Jahr rückte er dann eine Position nach hinten. Und fühlt sich jetzt in der Innenverteidigung am wohlsten. Sein Spiel lebe von seiner Physis. „Ich bin aber auch schnell und habe ein gutes Kopfballspiel“, erklärt der 1,88 Meter große Boyata selbstbewusst.

Lücke in der Abwehr

Qualitäten, die Herthas Abwehr durchaus gebrauchen kann. Schließlich herrscht nach den Abgängen von Fabian Lustenberger (Young Boys Bern) und Leihspieler Derrick Luckassen Bedarf in der Defensive. Ansprüche, das Stammpersonal in Abwehrzentrum Karim Rekik und Niklas Stark zu verdrängen, verkneift sich der Zugang noch. „Ich habe Respekt vor den Jungs. Hertha ist ein großes Team mit vielen guten Spielern.“ Sorgen, dass er wegen seiner Verletzung einen Nachteil habe, macht er sich nicht. Schließlich sei die Vorbereitung noch lange. „Es ist kein gutes Gefühl nicht mit den Jungs zu trainieren. Aber es wird von Tag zu Tag besser.“

Neben der Genesung arbeitet Boyata an seinen Deutschkenntnissen. Dabei hilft ihm eine App auf seinem Smartphone. Dass sieht auch seine Frau Manon, die er vor zwei Jahren heiratete und nach dem Trainingslager nach Berlin ziehen wird, lieber. „Wenn ich Playstation spiele, killt sie mich. Das mag sie nicht“, sagt er und lacht los. Ein anderes Hobby sei das Schlagzeug spielen gewesen. „Aber das lag mir nicht so und mittlerweile steht das Ding bei uns zu Hause nur rum“, erzählt er. Das Wichtige ist für ihn derzeit sowieso, schnell in den blau-weißen Rhythmus zu finden und mit den neuen Kollegen auf dem Platz zu stehen. Dann dürften auch schon bald alle Namen sitzen.