Keine Handys, keine Schreibblöcke für Notizen. Zugang nur nach Anmeldung für den abhörsicheren Datenraum des Abgeordnetenhauses und eine Unterschrift unter eine Verschwiegenheitserklärung.

Es sind merkwürdige – manche sagen einer Demokratie unwürdige – Bedingungen, unter denen Abgeordnete in den vergangenen Tagen einen Blick in die Unterlagen von Hertha BSC zum geplanten Bau eines neuen Stadions werfen durften. Doch diese fast schon geheimdienstlich anmutenden Vorgaben passen zu der seltsam defensiven Politik des Vereins in dieser für ihn doch so entscheidenden Zukunftsfrage.

Olympiastadion oder neue Arena: Wo wird Hertha BSC in Zukunft spielen?

Es ist die Frage, die 36.000 Vereinsmitglieder und Hunderttausende Fußballfans umtreibt. Wo wird die Alte Dame künftig spielen? Weiterhin im Olympiastadion? Oder doch in einer neuen, eigenen Arena? Und wenn ja, wo soll sie stehen, die Arena – und wie wird sie sich anfühlen?

Dreilinden oder der frühere Flughafen Tempelhof wurden ins Gespräch gebracht, und auch der alte Traum vom Poststadion wird geträumt. Als von Ludwigsfelde die Rede war, schrien alle: Das geht nicht! Das ist doch Brandenburg!

Viel Neues ergab die Einsicht in die Unterlagen nicht, berichten Parlamentarier, die in den vergangenen Tagen Einsicht nahmen. Was genau drinsteht, darüber schweigen sie sich vertragsgemäß aus.

Hertha BSC hat offenbar Hemmungen, Fakten zu veröffentlichen

Was vor allem bleibt, ist Ärger und Unverständnis. Philipp Bertram, für die Linksfraktion im Sportausschuss, hätte sich ein transparenteres Verfahren gewünscht. Nun ist Bertram zwar Mitglied der rot-rot-grünen Koalition, deutlich gewichtiger dürfte in der Sportstadt Berlin jedoch das Wort von Andreas Statzkowski (CDU) sein. Der 62-Jährige ist als Chef des SC Charlottenburg und seit September vergangenen Jahres als Präsident des Berliner Leichtathletikverbandes einer der einflussreichsten Sportpolitiker dieser Stadt.

Auch Statzkowski erkennt im Vorgehen des Fußballbundesligisten „keinen positiven Umgang mit dem Thema“. Warum gebe es Einsicht in die Pläne nur für Abgeordnete und nicht auch „für Anwohner, Bürger, Nutzer des Olympiaparks“, fragt er.

Tatsächlich hat Hertha BSC offenbar Hemmungen, Fakten zu veröffentlichen. Dabei liegt einiges bereits offen auf dem Tisch.

Hertha BSC will aus dem Olympiastadion ausziehen

Vornweg: Der Club will nach Jahrzehnten aus dem Olympiastadion ausziehen. Das traditionsreiche Stadion in Westend sei zu groß, zu weitläufig und zu leise für den Club, der die 75000 Zuschauer fassende Schüssel mit der blauen Laufbahn regelmäßig nur zu zwei Dritteln füllt. Oft ist die Stimmung, wenn man von der phänomenal sangesfreudigen und leidensfähigen Ostkurve absieht, eher mau.

Hertha will ein privat finanziertes Stadion bauen, das der Verein auch selbst vermarkten kann. „Steil, nah, laut“ – so soll die neue Spielstätte sein, 55.000 Sitzplätze soll sie haben. Im Jahr 2025 soll Eröffnung sein.

Hertha BSC will neues Stadion auch im Olympiapark

Als Standort favorisiert der Club eine Fläche an der Sportforumstraße im Olympiapark, gleich neben dem bisherigen Stadion. Auch weil die Verkehrsanbindung mit S- und U-Bahnhof in Laufnähe exzellent ist. Doch so einfach ist das nicht. Das Land Berlin müsste dem Club das Gelände zur Erbbaupacht überlassen. Diese Entscheidung müsste durchs Abgeordnetenhaus, das auch die Innen-und-Sportverwaltung mit der Planung beauftragen müsste.

Doch all das wird nicht passieren, solange ganz entscheidende Fragen offen sind: Da sind etwa die Häuser mit 27 Wohnungen an der Sportforumstraße, die abgerissen werden sollen. Außerdem stehen tausend Bäume im Weg. Zudem zeigen die Pläne eine umgebaute Hanns-Braun-Straße, die Erschließungsstraße des Olympiaparks.

Bisher hat der Verein noch keinen Kontakt zu den Bewohnern aus der Sportforumstraße gehabt, sagt CDU-Mann Statzkowski und ärgert sich. Die zwischenzeitlich ins Spiel gebrachte Baumannsche Wiese, ein Grünzug am U-Bahnhof Ruhleben, als Ersatzstandort entfalle aus Naturschutzgründen, sagt er. Ein Ausgleichsvorschlag für die abzuholzenden Bäume stehe ebenso aus wie eine Aussage darüber, wer den Umbau der Hanns-Braun-Straße bezahlen soll. Hinzu kommt der Lärmschutz für Anwohner, der die Anzahl lauter Veranstaltungen in der Gegend erheblich einschränkt.

Neues Hertha-Stadion auf dem Gelände des Flughafens Tegel?

Statzkowski und Linke-Kollege Bertram hadern mit der Festlegung Herthas auf den Standort. Beide erwähnen die Idee, das Gelände des Flughafens Tegel zu prüfen.

All diese Themen könnten und müssten mit den Verantwortlichen von Hertha BSC besprochen werden. Dass das bisher nicht passiert ist, erklärt sich Linke-Politiker Bertram mit einem gewissen „West-Berliner Klüngel.“ Hertha glaube offenbar, dass das Abgeordnetenhaus das Bebauungsplanverfahren schon vorziehen und beschleunigen werde. „Aber so geht das nicht. Es ist im Verein offenbar nicht ganz klar, dass das Parlament nur einer tragfähigen Lösung zustimmen wird.“

Hertha-Stadion ohne Hauptmieter?

Über allem steht jedoch ohnehin die politische Frage nach der Nachnutzung des Olympiastadions. Kann und will es sich das Land Berlin überhaupt leisten, dass seine 100-prozentige Tochter Olympiastadion GmbH ihren Hauptmieter verliert?

CDU-Mann Statzkowski hält das für falsch: „Zuletzt wurden 3,4 Millionen Euro ins Olympiastadion investiert. Ich bin dafür, dass noch mehr passiert.“ Unter einer Bedingung, so Statzkowski: „Das Stadion bleibt auch Leichtathletik-Arena.“

Tatsächlich sind die Anforderungen an Hertha vielfältig. So schrieb der Sportpolitiker Stephan Standfuß (CDU) am Mittwoch – wohlgemerkt Stunden vor dem Pokal-Highlight gegen Bayern München: „Hertha, mach uns glücklich!“ Nach allerlei obligatorischem Daumendrücken für die Alte Dame schrieb er auch: Bis man so einen spannenden Fußballabend „irgendwann vielleicht in einem modernen Stadion erleben könne, muss Hertha allerdings nicht nur sportlich überzeugen“.

Da hilft vor allem ein Spiel mit offenen Karten – und natürlich: reden, reden, reden.