Neujahrsspringen: Flattern statt fliegen

Garmisch-Partenkirchen - Es gibt einfach so verhexte Tage. An denen ist es völlig egal, mit welchem Bein einer zuerst aus dem Bett aufsteht. Es klappt einfach nichts. Der Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen fiel per se nicht in die Kategorie. Nach einer knappen Woche Dauerschneefall säumten weiße Wälle und Berge die Straßen der Marktgemeinde in Bayern. Aber die Sonne begann das neue Jahr feierlich und ließ die ganze weiße Pracht als romantische Zierde der Berglandschaft erstrahlen unter perfekt blauem Himmel.

Und weil es beinahe windstill war am frühen Nachmittag, schienen die Bedingungen perfekt zu sein für das zweite Springen der Vierschanzentournee. Die 20.000 Zuschauer waren nicht minder optimal vorbereitet worden auf die Rehabilitation der deutschen Skispringer nach dem misslungenen Auftakt der Tournee in Oberstdorf, wo es kein Einziger unter die besten zehn geschafft hatte: Kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen waren verschenkt worden und sorgten dafür, dass jeder Springer von hoch oben leicht erkennen konnte, dass das unten im Kessel gefälligst eine streng patriotische Angelegenheit zu werden hatte. Das deutsche Fahnenmeer im friedlichen alpinen Schnee kam zum Einsatz, wann immer ein deutscher Athlet sich zu Tale stürzte. Die Partenkirchener Schanzenpatrioten gönnten sich nur eine Ausnahme: Auch der Japaner Noriaki Kasai, bei dem nicht ganz klar ist, ob er schon Maskottchen oder noch Athlet ist, bekam zur Wertschätzung seiner Skisprungdauerbrennerleistung mit 42 Jahren dieselbe Gunstbezeugung.

Allein: Weder das klimatische noch das folkloristische Ambiente vermochten den deutschen Tag nachhaltig zu retten. Und so mögen die Vorsätze für das neue Jahr durchaus da gewesen sein, nur bestätigte auch das zweite Springen der Tournee den Trend. Der besagt, dass der Deutsche Skiverband inzwischen zwar über Weltklassespringer verfügt, allerdings vorerst noch über solche, bei denen die Nerven gern mal dann flattern, wenn der Druck besonders groß wird. So siegte am Neujahrstag eher überraschend der Norweger Anders Jacobsen (135,5 Meter/136,5 Meter) vor dem Schweizer Simon Ammann (138/133) und dem Slowenen Peter Prevc (136,5/136). Das Springen bestätigte die Erkenntnis, wie ausgeglichen besetzt die Weltspitze inzwischen ist, so dass sich jede kleine Schwäche stets bitter rächt. Österreichs Überflieger von Oberstdorf, Stefan Kraft und Michael Hayböck, wurden trotz guter Sprünge nur Sechster und Siebter.

Freitag auf Platz neun, Freund Zehnter

Die Deutschen berappelten sich erst im zweiten Durchgang. Doch besagen die Regeln, dass eben zwei Sprünge eingehen in die Wertung. Als Bester seines Teams schaffte es Richard Freitag auf Platz neun (127/134,5) vor Severin Freund, der Zehnter wurde (127,5/135,5). Marinus Kraus (132/126,5) vervollständigte das Ergebnis, indem er die teaminterne Hierarchie bestätigte und 13. wurde. „Es war wieder nicht das wahnsinnige Ergebnis, der erhoffte ganz große Befreiungsschlag“, klagte Severin Freund, „ich habe im ersten Durchgang ein bisschen viel liegen lassen, und dann war der Abstand nach vorn einfach zu groß. Aber wir sind auf einem besseren Weg.“

Auch Bundestrainer Werner Schuster konnte kaum verbergen, dass er nach den Einzelgesprächen mit seinen Athleten erwartungsfroher in das Neujahrsspringen gegangen war. „Das ist kein berauschendes Ergebnis, doch wir haben zumindest einen guten Durchgang gehabt, aber der erste in die Hose gegangen“, sagte Schuster. „Für den Alltagsgebrauch, also bei den Rentieren in Kuusamo, reicht es bei den Spitzenleuten schon“, resümierte er, „aber eben nicht bei der Tournee. Obwohl wir vom Umfeldmanagement besser geworden sind, scheint eine gewisse Stressresistenz noch nicht gegeben zu sein.“

Während Schuster hofft, dass seinen Springern nach dem freien Tag ab Sonnabend die Schanze am Innsbrucker Bergisel besser liegt, blieb aus nationaler Sicht in Garmisch-Partenkirchen zumindest eine beruhigende Erkenntnis: Weil nach dem Österreicher Stefan Kraft in Oberstdorf in Partenkirchen der Norweger Anders Jacobsen gewonnen hat, wird es auch bei der 63. Auflage der Vierschanzentournee keinem Springer gelingen, auf allen vier Schanzen zu triumphieren. Schon zur Hälfte der Tournee darf damit Sven Hannawald feiern, dass seine Bestmarke mit vier Siegen in vier Springen aus dem Winter 2001/2002 nicht geknackt wird.