London - Durchgeschüttelt worden war die Mannschaft des FC Bayern bei den vielen Angriffen von Tottenham Hotspur zunächst, doch als Serge Gnabry gleich zwei Tore in schneller Folge mit seiner Rührgeste feiern konnte, war das erste Ausrufezeichen in der Champions League auf den Weg gebracht. 4:1 führten die Münchner nach Gnabrys Doppelpack (53./55.) plötzlich beim Vorjahresfinalisten, was schon deshalb erstaunlich war, weil dieser zuvor das Geschehen bestimmt hatte.

Doch nach Heung-Min Sons Führung (12.) und vielen Chancen der Spurs arbeiteten sich die Bayern in das zweite Gruppenspiel hinein und drehten es noch vor der Pause durch die Tore von Joshua Kimmich (15.) und Robert Lewandowski (45.). Harry Kanes verwandelter Foulelfmeter (61.) brachte den denkwürdigen 7:2 (2:1)-Auswärtssieg der Münchner nicht mehr in Gefahr. Gnabry (83./88.) mit seinen Toren drei und vier sowie Lewandowski (90.) schossen die Spurs ab.

Unter Mithilfe des Innenpfostens

Es war vor allem ein Sieg der Effizienz und des Willens, wesentlich herbeigeführt durch Gnabrys Viererpack der Marke geschüttelt, dann gerührt. Zunächst traf der langjährige Arsenal-Profi wie ein Agent auf geheimer Mission nach einem Solo über das halbe Spielfeld. Kurz darauf schob er Corentin Tolissos Zuspiel unter Mithilfe des Innenpfostens präzise ein. Später trug er noch zwei Mal zur Demontage bei. Der angestrebte Gruppensieg rückt durch den Sieg näher. Ob aus dem spektakulären Erfolg aber abgeleitet werden kann, dass die Bayern zum engeren Kreis der Titelkandidaten in der Champions League zählen, muss wegen der erheblichen Probleme in der Defensive vor allem in der ersten Halbzeit wohl noch mit einem Fragezeichen versehen werden. Zumal Tottenham ohnehin in einer schwierigen Phase steckt.

Begonnen hatte der Abend im Londoner Herbstregen mit einer Botschaft, die Niko Kovac bereits am Vortag auf der Pressekonferenz angedeutet hatte. „Die Leistung muss stimmen. Wenn sie stimmt, hat man auch die Berechtigung, weiterhin zu spielen“, hatte der Trainer über Thiago Alcántara gesagt und hinzugefügt, dass niemand wegen eines schlechten Spiels verdammt werde. Weil nun aber nicht Thiago zusammen mit Kimmich das defensive Mittelfeld der Münchner bildete, sondern Tolisso, muss Kovac wohl zuletzt mehr missfallen haben als Thiagos wenig überzeugender Auftritt in Paderborn. Wegen einer Knieprellung musste Kovac zudem auf Lucas Hernández verzichten. Dafür kehrte Linksverteidiger David Alaba nach seinem Muskelfaserriss in die Startelf zurück.

Kimmich gibt Antwort

Das große Stürmerduell zwischen Lewandowski und Kane war vor dem Spiel ausgerufen worden. Doch meist standen im neuen Tottenham Stadium andere im Mittelpunkt. Anfangs vor allem Son, der ehemalige Bundesliga-Profi des Hamburger SV und von Bayer Leverkusen. Zwei Mal konnte Manuel Neuer gegen Son abwehren, die dritte Chance aber nutzte Son zur Führung. Die Münchner reagierten aber umgehend, und dass Kimmich mit seinem platzierten Schuss aus gut 20 Metern drei Minuten nach dem Rückstand zum 1:1 traf, dürfte auch Karl-Heinz Rummenigge erfreut registriert haben. Wer Kritik übe, müsse mit Leistung vorangehen, hatte der Vorstandschef am Tag vor dem Spiel über Kimmich gesagt.

Sicherheit brachte den Münchner der Ausgleich zunächst aber nicht. Vielen Angriffen der Spurs sahen sie sich ausgesetzt, was auch daran lag, dass der Zugriff im Mittelfeld fehlte. Und hätte Alaba nicht kurz vor der Linie gerettet, nachdem Kane Neuer umkurvt hatte, wäre Tottenham schon kurz nach dem Ausgleich wieder in Führung gegangen. Erst kurz vor der Pause wurden die Bayern wieder auffälliger, übernahmen zunehmend die Kontrolle und kamen durch Lewandowskis Rechtsschuss aus der Drehung aus 17 Metern zum glücklichen 2:1.

Kovac brachte zur zweiten Halbzeit für den erneut angeschlagenen Alaba Thiago, stellte Kimmich nach rechts hinten und verschob Benjamin Pavard von dort nach hinten links. Doch bevor die mehrfach umgebaute Defensive erneut ernsthaft unter Druck geraten konnte, sorgte Gnabry mit seinem Doppelpack für die Vorentscheidung.