SCHLADMING - Neunzehn ist eine prima Zahl, sie ist nur durch eins und sich selbst teilbar, sie ist eine Primzahl. Müssen sich also neunzehn gleichzeitig in einem abgesteckten Rasenquadrat dribbelnde Fußballer auf Trainerkommando in Grüppchen aufteilen, zu dritt, zu fünft, zu neunt, bleibt immer mindestens einer allein. Und wer allein ist oder in einer zu kleinen Gruppe unterkommt, geht ein paar Mal in den Liegestütz, er hat die Aufgabe nicht erfüllt. Ein bisschen erinnerte diese Übung an die bei Kindern beliebte Reise nach Jerusalem.

Stühlerücken im Trainingslager

Wenn man so will, dann ist Stühlerücken zurzeit ein großes Thema im zweiten Trainingslager von Hertha BSC. Vor allem im Mittelfeld, wo sich mehrere Spieler um den Thron im Zentrum bewerben. Auf dem sitzt bekanntlich nicht mehr der Spielmacher mit der Zehn, es ist der Sechser, er macht nicht, er gestaltet. Aber noch herrscht da ein wenig Chaos in der Mitte, wenn auf die spaßige Übung zum Einstieg die ernsten Dinge des Fußalllebens folgen. „Geordnetes Chaos“, sagt Assistenztrainer Rainer Widmayer, der gemeinsam mit seinem Chef immer wieder die Spielzüge unterbricht. „Was passiert jetzt?“ Oder: „Was passiert, wenn …?“ Das sind die Fragen, die Dardai seinen Spielern stellt.

Die Antworten, wenn es sie überhaupt gibt, sind zu leise, um sie auf der Tribüne zu hören. Dank Dardai, der sich manchmal selbst auf den Weg macht, um den richtigen Laufweg zu zeigen, versteht man trotzdem, worum es hier eigentlich geht. Außenverteidiger hoch, Dreiecke im Mittelfeld, einer lässt sich fallen, einer geht steil, und dann ist da vielleicht eine Lücke auf dem Flügel, kommt die Flanke, fällt das Tor, gehen die Arme hoch zum Jubel. Oder ist das doch nicht so einfach? Einen Kollegen, der Dardai hinterher eine anscheinend nicht ganz so systemrelevante Frage stellte, lud der Trainer zur individuellen Taktikschulung an die Magnettafel. Leider war es nur ein Scherz. Das alles geschah am Dienstagvormittag.Mehr Ballbesitz, mehr Tempo

Am Nachmittag sitzt Vladimir Darida, 24, tschechischer Nationalspieler, auf der Hotelterrasse und blickt schüchtern in die Runde, die den Mann, den Hertha zum Thronfolger im Mittelfeld ernannt hat, näher kennenlernen will. Man weiß ja inzwischen, dass dieser Darida viel und schnell laufen kann und dass er ein Gespür hat für den richtigen Ball in die passende Lücke. Es gibt genug Bilder aus seiner Zeit in Freiburg, die das beweisen. Die Beweislage wird nach jedem Tag in Schladming größer. Klar ist also, was Hertha von Darida erwartet. Mehr Ballbesitz im Mittelfeld zum Beispiel. Und mehr Tempo beim Spielaufbau. Aber was erwartet Darida von Hertha?

Zwei Dinge sind das. Das persönliche Ding: „Ich will von Anfang an spielen und mehr Tore schießen.“ Sechs waren es in der vergangenen Saison, davon fünf Elfmeter. Und das Mannschaftsding: „Ich will, dass wir keine Angst vor dem Abstieg haben müssen.“ Es gibt wahrscheinlich keinen im Kader, der das anders sieht.

Abstiegsangst kennen zwar viele seiner neuen Kollegen, aber diejenigen, die dann auch tatsächlich abgestiegen sind, werden immer weniger. Darida wollte in der ersten Woche, nachdem er mit dem SC Freiburg die Erste Liga verlassen musste, überhaupt nicht darüber reden. Knapp zwei Monate später sagt er: „Das war hart für den Kopf.“ Hart für das ganze Team, das mehrmals in der Nachspielzeit einen Sieg verspielt hatte. Doch das ist jetzt vorbei, ein neuer Klub ist wie ein neues Leben.

Tattoo erinnert an altes Leben

An die alten Leben erinnert rein oberflächlich betrachtet das Tattoo, das sich Darida ans rechte Handgelenk hat stechen lassen. „Live as if you’ll die tomorrow“ steht da in der ersten Zeile. „Fight as if you’ll live forever“ in der zweiten. Ganz schön kämpferische Worte sind das für jemanden, der von sich selbst sagt: „Ich bin phlegmatisch.“ Aber das gilt dann wohl eher für alles, was außerhalb des Spielfelds passiert.

Bleibt noch der Abend, der allerdings erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe anfing. Da sollte Darida zum ersten Mal unter Echtzeitbedingungen zeigen, was er kann, beim Testspiel gegen den SV Gröding. Und würde er gleich die Verantwortung eines Elfmeters übernehmen, wenn es dazu käme? „Ich weiß noch nicht, wer das hier macht. Ich muss ihn erst fragen, ob er weiter schießen will“, hatte Vladimir Darida geantwortet, bevor er sich für ein Nachmittagsschläfchen zurückzog. In ein Zimmer, das er nur mit sich selbst teilen muss.