Neuzugang bei Hertha BSC: Valentin Stocker muss aufholen

Schladming - Wenn die Spieler im Trainingslager des Bundesligisten Hertha BSC zum täglichen Medientermin gerufen werden, ist einer immer dabei: Valentin Stocker. Der 25-Jährige ist gefragt wie kaum ein anderer Profi des Teams. Dabei steht der Schweizer bei den meisten Übungseinheiten von Trainer Jos Luhukay momentan noch in der zweiten Garde.

Das soll allerdings nicht zur Gewohnheit werden. Die Berliner haben für den Mittelfeldspieler schließlich nicht vollkommen gedankenlos gut drei Millionen Euro Ablöse an den FC Basel gezahlt – so viel wie für keinen anderen Zugang. Vielmehr ist die Zurückhaltung bei den Einsätzen des Nationalspielers darin begründet, dass er bei der Weltmeisterschaft in Brasilien im Achtelfinale stand und genau wie der US-Amerikaner John Anthony Brooks erst verspätet ins Training einsteigen konnte.

Mit dem FC Basel gewann Stocker fünf Mal in Serie die Meisterschaft in der Super League, der höchsten Schweizer Liga, spielte mit dem Klub zehn Mal in der Königsklasse. „Wir hatten tolle Spiele, vor allem in der Champions League, aber in der Liga haben eben nicht alle Partien so ein hohes Niveau wie in Deutschland“, sagt er. Der Schritt vom heimischen Top-Klub ins Mittelfeld der Bundesliga ist ihm dennoch nicht leichtgefallen. „Es ist für einen Fußballer schon extrem schwierig, wenn er Champions League spielen darf, sich dagegen zu entscheiden“, sagt Stocker.

Passendes Bauchgefühl

In der Saison 2008/09 wurde der gebürtige Luzerner zum besten Nachwuchsspieler der Liga in der Schweiz gewählt. Bereits da lagen ihm die ersten Angebote aus dem Ausland vor, sogar aus der englischen Premier League. „Aber da wollte ich nicht. Ich war noch so jung und wollte mich erst einmal in Basel etablieren“, sagt er. 2010 kam ihm ein Kreuzbandriss in die Quere, und bei den dann folgenden Angeboten war es nie so stimmig, dass Stockers Bauchgefühl ihm zum Wechsel riet. Bei Hertha habe dann alles gepasst, findet er. Nun hofft er, dass er sich in der Bundesliga auch durchsetzen kann. „Das Tempo ist extrem hoch. Wenn man so Spiele anschaut wie Bayern gegen Dortmund, dann ist das schon schön anzusehen“, sagt er.

Valentin Stocker zeichnet sich insbesondere durch seine Körperbeherrschung aus und die Kunst, sich von unliebsamen Gegenspielern befreien zu können. Das ist auch Trainer Jos Luhukay aufgefallen, der ihn beim Testspiel gegen Austria Salzburg als Teil der neuen 3-4-3-Formation im offensiven Mittelfeld integrierte. Wo er letztendlich spiele, sei ihm aber egal, sagt Stocker. Zunächst muss er ohnehin erst einmal den Trainingsrückstand aufholen.

Drei Wochen Urlaub hatte ihm Trainer Jos Luhukay nach der Weltmeisterschaft in Brasilien gewährt. „Die waren für mich unglaublich gut“, sagt Stocker, „ich war zu Hause und habe einfach gar nichts gemacht.“ Der Schweizer brauchte die Zeit für die körperliche Regeneration, vor allem aber für seinen Kopf. Die WM hat er nämlich nicht unbedingt in positiver Erinnerung. Nationalcoach Ottmar Hitzfeld hatte Stocker zuvor noch über die Maßen gelobt: „Er gehört auf seiner Position zu den torgefährlichsten Spielern Europas.“ Alles deutete darauf hin, dass der wendige Mittelfeldspieler aus der Stammformation kaum wegzudenken sei.

Doch dann zeigte Stocker im ersten Vorrundenspiel gegen Ecuador eine überraschend schlechte Leistung, wurde zur Halbzeit ausgewechselt und verbrachte den Rest der WM auf der Auswechselbank. Gegenüber den Schweizer Medien äußerte er kurz nach dem Wettbewerb, er habe das Gefühl gehabt, der Trainer wolle an ihm ein Exempel statuieren. Jetzt möchte er das Thema abhaken: „Mit dem ersten Ferientag war das vergessen, und ich freue mich, dass ich jetzt nach drei Wochen wieder Fußball spielen kann“, sagt er.

Scharfe Kritik

Es sei für ihn auch nicht schlimm, wenn seine Leistung letztendlich nicht ausreiche, um sich in der Bundesliga zu etablieren, erklärt er, „aber du musst es probieren“. Schließlich wäre Stocker auch nicht der erste Schweizer, der nach einem Jahr in der Bundesliga wieder in seine Heimat zurückkehrt. Sein Trainer beim FC Basel, Murat Yakin (1. FC Kaiserslautern), und dessen Bruder, der ehemalige Nationalspieler Hakan Yakin (VfB Stuttgart), brachten es jeweils auf eine halbwegs passable, aber auch schnell in Vergessenheit geratene Saison. Ausgerechnet diese beiden kritisierten Stocker jüngst scharf ob seiner Aussagen über die Super League in der Schweiz, vor allem aber wegen seiner schwachen Leistung bei der Weltmeisterschaft.

So giftete Hakan Yakin gegenüber den Schweizer Medien, bei der Nationalmannschaft solle man Stocker ruhig spielen lassen, wolle man weiterhin nur mit zehn Mann auf dem Platz stehen. Stocker ist diese Episode unangenehm. Er dreht sich kurz zur Seite, rührt mit dem Löffel im Schaum seines Latte Macchiato und sagt dann leise: „Er hat meine Handynummer, er hätte mich auch anrufen können, um mir das zu sagen.“ Lauter sagt er: „Das ist für mich jetzt abgeschlossen.“

Valentin Stockers Fokus gilt vielmehr dem Trainingslager. Er weiß, dass er bis zum Saisonstart noch ein bisschen aufholen muss. Heute beim Testspiel gegen den türkischen Erstligisten Kasimpasaspor will er sich mit einer guten Leistung für die Stammformation empfehlen, die Luhukay gerade im Kopf zu entwickeln scheint. Schließlich hat er einen Vertrag bis 2018 unterschrieben und demnach nicht vor, allzu bald in die Schweiz zurückzukehren.