Es war einer von diesen automatisierten Spielzügen, hundertfach gesehen und bestaunt, erst tiki Xavi, dann taka Iniesta, wieder tiki, wieder Iniesta, und dann machte es nicht taka, sondern einfach mal: zupf! John Heitinga hatte offensichtlich genug vom spanischen Passduett.

Es lief das Weltmeisterschaftsfinale 2010 in Südafrika, gut zehn Minuten noch bis zum Elfmeterschießen, doch nach diesem Foul waren die Niederlande nur noch zu zehnt auf dem Platz. Für Heitinga, den Trikotzupfer, war es die zweite Gelbe Karte, und er beschwerte sich nicht mal. Eine knappe Armbewegung in die Richtung, wo Fußballer ihren Fußballgott vermuten, ein kurzer Zungenwischer über die Unterlippe, dann hatte der Innenverteidiger das Spielfeld verlassen. Und ein paar Minuten später, tiki Fàbregas, taka Iniesta, fiel das einzige Tor des Abends.

Der Medizincheck ist bestanden

Wenn Hertha am kommenden Montagmorgen in die Saisonvorbereitung startet, dann wird Heitinga vielleicht ein paar Fragen beantworten müssen zu diesem Finale. Denn das ist die seit ein paar Wochen erwartete Nachricht: Heitinga, 30 Jahre alt, zuletzt beim FC Fulham und unter Felix Magath tätig, wechselt ablösefrei in die Bundesliga nach Berlin. Nach dem unfallfrei überstandenen Medizincheck hat er einen Zweijahresvertrag unterschrieben – mit der Option auf eine weitere Spielzeit.

Beide Seiten sollen sich auf ein vergleichsweise niedriges Grundgehalt geeinigt haben, das sich aber bei vielen Ligaeinsätzen schon ordentlich lohnen wird. Ohne Risiko ist die Sache aber nicht für Heitinga, der gestern sagte: „Ich wollte unbedingt in die Bundesliga, deshalb freue ich mich sehr auf Hertha BSC.“ Und: „Ich bin sehr gespannt auf die Mannschaft und ihre tollen Fans.“ Diese Freude scheint auf einer gewissen Gegenseitigkeit zu beruhen. „John Heitinga ist ein international erfahrener Abwehrspieler, von dem insbesondere unsere jungen Spieler sehr profitieren werden“, sagte jedenfalls Herthas Manager Michael Preetz.

John Heitinga ist nach Valentin Stocker (FC Basel), Marvin Plattenhardt (1. FC Nürnberg), Jens Hegeler (Bayer Leverkusen) und Genki Haraguchi (Urawa Red Diamonds) der insgesamt fünfte Sommertransfer der Hertha. Ob Pierre-Michel Lasogga der sechste sein wird, soll sich bald klären. Aber auch so wird Trainer Jos Luhukay schon zufrieden sein mit den Verpflichtungen. So viel Geld, Spielraum und Fantasie beim Spielerkauf war zuletzt selten beobachtet worden in der Hauptstadt.

Jung genug für die Abwehrführung

Dass Heitinga gestern in Berlin zu Besuch war, so schön es auch hier ist, wird ihm aber nicht in letzter Konsequenz gefallen haben. Man kann nämlich davon ausgehen, dass er zurzeit lieber in Brasilien wäre, wo die Niederlande bald im Achtelfinale spielen werden. Nach der WM 2010 und nach der EM 2012, glaubte Louis van Gaal aber nicht mehr an Heitingas Defensivkünste. Der Bondscoach setzte lieber auf jüngere Spieler, Heitinga fiel einem sogenannten Generationswechsel zum Opfer. Das muss sich ein Fußball-Land erst mal leisten können.

Denn erstens ist Heitinga noch jung genug, um eine Abwehr zu lenken – daran glauben sie auch ganz fest in Berlin. Und zweitens ist er erfahren genug, um nicht zu patzen, wenn es mal eng und ungemütlich wird im Strafraum. Heitinga, obwohl nur 1,80 Meter groß, ist stark in der Luft und schnell am Boden. Das hat er („Berlin wird nun die nächste Weltstadt sein, in der ich die Karriere fortsetze“) bereits bei Ajax Amsterdam, Atlético Madrid, beim FC Everton und zuletzt in Fulham (London) gezeigt.

Nur bei diesem tiki und taka kam er zwei Mal zu spät. Es war der Zupfer seines Lebens, und dazu schon bald mehr.