Kam voll austrainiert zum Turnier in Lissabon: Neymar.
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Berlin/LissabonNeymar sieht anders aus. Oder besser: so wie früher. Nach dem Aufruf zahlreicher Fans in den sozialen Medien läuft der brasilianische Ausnahmespieler von Paris Saint-Germain seit kurzem wieder mit Irokesenfrisur auf – und erinnert äußerlich an seine ersten Profijahre beim FC Santos, als er nur der mit riesigem Talent gesegnete Fußballer war. Und noch kein Popstar. Beim Finalturnier der Champions League in Lissabon funktioniert die Rückbesinnung auf das Wesentliche. Am Dienstag (21.00 Uhr/Sky) wartet im Halbfinale RB Leipzig, und wieder wird es vor allem auf Neymar ankommen.

„Ich habe große Lust auf das Finale. Eine weitere Stufe wartet auf uns“, sagte Neymar nach dem knappen 2:1-Viertelfinalsieg gegen Atalanta Bergamo. PSG brachte über weite Strecken nur wenig zustande, und wenn, dann über Neymar. „Das war ein Spiel für den Trophäenschrank“, sagte der Brasilianer. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ urteilte: „Der ehemalige Barcelona-Mann hat ein Meisterwerk abgeliefert.“ In Brasilien schrieb das Portal „Globoesporte“ vom „entscheidenden Neymar“.

Dem Finalturnier hatte der Offensivspieler in der Vorbereitung alles untergeordnet. Nach schwierigen Jahren hat er nach dem Aus für Lionel Messi und Cristiano Ronaldo die Chance, aus ihrem Schatten zu treten. „Ich habe sehr viel trainiert in den vergangenen Monaten, mit hoher Intensität und Hingabe“, hatte Neymar im Vorfeld gesagt. „Ich kann es kaum erwarten, das Spielfeld zu betreten und Geschichte zu schreiben.“ In seinem Haus in Mangaratiba, an der Grünen Küste zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, bereitete er sich drei Monate lang vor.

Seine PR-Agentin schickte regelmäßig Fotos von Trainingseinheiten. Neymar bei Kraftübungen, Neymar auf dem Laufband, Neymar mit Ball im Sand. Fitnesstrainer Ricardo Rosa sagte: „Er ist nicht im Urlaub, also müssen wir ihn auf einem hohen Leistungsniveau halten. Wir wechseln so viel wie möglich ab und nutzen die Infrastruktur, die das Haus und die Anlage haben.“

Neymar selbst veröffentlichte in dieser Zeit entgegen seiner Gewohnheit auffallend wenig in sozialen Netzwerken. Darunter ein Video, in dem er für die Ärzte und Pfleger klatschte, die gegen die Corona-Pandemie kämpfen. Diskussionen löste nur einmal ein Foto aus, das Neymar mit Freunden auf einem Beachfußball-Feld zeigte, weil es den Verdacht erweckte, dass er gegen Corona-Beschränkungen verstoßen würde. Als Fazit stand aber, dass Neymar nach Brasilien zurückgekehrt war, um zu trainieren. Nicht, um zu feiern.

Im Land der Pelés, Ronaldos und Ronaldinhos hat es jeder Spieler schwer, zu einem der Größten zu werden. Neymar ist nach seinem Wechsel im Jahr 2017 für 222 Millionen Euro von Barcelona zu PSG immerhin schon der bislang teuerste Spieler der Welt. Mit den Katalanen gewann er 2015 die Champions League. In Frankreich warten die Fans darauf, dass mit Neymar auch der Titel in der Königsklasse kommt. Mit der Nationalmannschaft wurde Neymar 2016 Olympiasieger – in Brasilien wird in der Nachbetrachtung aber nur der WM-Titel zählen.

Vor der WM 2018 und der Copa América 2019 hatte sich Neymar verletzt, machte dann eher mit Schwalben-Theater auf sich aufmerksam. In seinem Heimatland wurde die Frage aufgeworfen, wann er seinen Fokus verloren hat und vom Fußballspieler zum Popstar wurde. Jetzt aber, auch schon vor der Corona-Unterbrechung, zeigte Neymar zunehmend seine alte Stärke. Unwiderstehliche Dribblings, starke Abschlüsse, viel Tempo. „Die Unterbrechung kam gerade, als PSG am besten war“, sagte sich Neymar. Nun will er weitermachen.