BerlinAm Ende schien es, als wollte Thomas Müller unbedingt noch beweisen, dass er tatsächlich in die Nationalmannschaft gehört. Und zwar in jene, die vor einigen Tagen 0:6 gegen Spanien verlor. Mit einem leichtfertigen Ballverlust hätte er fast noch für einen Sieg von Werder Bremen in der Münchner Arena gesorgt, doch der allein auf Manuel Neuer zulaufende Josh Sargent scheiterte am Bayern-Keeper, und es blieb beim 1:1. Damit war Müllers eigener Rekord gerettet, der in seinem Leben noch nie gegen die Bremer verloren hat, obwohl er nun schon ein Weilchen dabei ist und die Partie am Sonnabend seine 22. gegen den geliebten Gegner war. Bei den Bayern riss zwar die Serie von 19 Siegen, aber verloren haben sie in diesem wahren deutschen Clásico seit 24 Partien nicht, zuletzt  im September 2008. Damals allerdings heftig, bei der  Diego- und Mesut-Özil-Gala kassierte die Klinsmann-Truppe zum Oktoberfest-Auftakt ein herzhaftes 2:5 im eigenen Stadion.

Ja, richtig gelesen: Clásico. Von wegen Borussia Dortmund. Der BVB war bis zur Klopp-Ära  kaum je ein ernsthafter Rivale der Bayern, was daran lag, das er während deren erster Bundesliga-Blüte Anfang der Siebziger vier Jahre in der zweiten Liga verbrachte und bei den Dortmunder Titelgewinnen von 1995, 1996 und 2002 die Bayern ein wenig unpässlich waren. Wenn man also schon den aus dem ibero-amerikanischen Raum geklauten Klassizismus verwenden möchte, dann doch bitte bei den Bayern und Bremen, wo sich zumindest die Klubchefs Uli Hoeneß und Willi Lemke einst bemühten, wenigstens annähernd die Giftigkeit an den Tag zu legen, für welche die einschlägigen Vorbilder bekannt sind.

Natürlich ist der Bundesliga-Dauerbrenner noch ein etwas pubertärer Clásico, gemessen etwa am Clásico Uruguayo, bei dem Peñarol und Nacional Montevideo allein in der Liga 265 Mal aufeinandertrafen. Beim argentinischen Superclásico waren es 210 Ligapartien zwischen Boca Juniors und River Plate, der Clássico das Multidões, Klassiker der Massen, in Rio de Janeiro zwischen Flamengo und Fluminense, gemeinhin Fla-Flu genannt, erlebte 318 Auflagen, und das eigentliche Vorbild, Spaniens zähnefletschendes Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, fand in der Meisterschaft 181 Mal statt. Bei Werder gegen Bayern war es die Nummer 109, womit die 108 Partien des Nordderbys zwischen den Bremern und dem Hamburger SV, der langsam all seine Rekorde verliert, wenn er nicht bald aufsteigt, auf den zweiten Rang rutschten. Bayern-Dortmund gab es 103 Mal. Insgesamt haben acht Klubs mindestens hundert Spiele gegen einen Gegner in der Bundesliga bestritten haben, neben den vier genannten noch Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt.

Erstmals trafen sich Bayern München und Werder Bremen am 18. Dezember 1965 im Stadion an der Grünwalder Straße. Werder reiste als amtierender Deutscher Meister an, was die Münchner nicht daran hinderte, 3:1 zu gewinnen. Nach dem Bremer Führungstreffer von Sepp Piontek schossen Rainer Ohlhauser, Dieter Koulmann und Franz Beckenbauer die Tore für den Aufsteiger. Letzterer per Elfmeter, was er sich damals noch traute. Es war einer von nur sechs Versuchen in der Bundesliga, Bilanz: durchwachsene 50 Prozent. Gegen Werder-Torwart Günter Bernard blieb Beckenbauer aber Sieger.

Von den restlichen 108 Partien gewannen die Bayern 56, verloren 26 und spielten 26 Mal Unentschieden. Keines davon war bedeutender als jenes 0:0 vom 22. April 1986 im Weserstadion, als Michael Kutzop den Elfmeter an den Pfosten schoss, der Werder die ersehnte Meisterschaft gebracht hätte, die eine Woche später an die Bayern ging. Denkwürdig auch schon das Hinspiel, als der enteilte Rudi Völler von Klaus Augenthaler so brutal umgesenst wurde, dass es ihn danach die halbe Saison und eine bessere WM in Mexiko kostete. Lieblingsspiel der Werder-Fans ist das berauschende 3:1 zum Titelgewinn 2004 in München, als Ailton und Ivan Klasnic Katz und Maus mit Bayern-Keeper Oliver Kahn spielten. Da ahnten sie noch nicht, was ihnen blühen sollte. Zum Beispiel fünfmal in Serie ein 1:1. „Wahrscheinlich der langweiligste Rekord, den die Bundesliga zu bieten hat“, wie Trainer Florian Kohfeldt am Sonnabend zu Recht bemerkte.