Der Fußball und die Liebe, welch’ wahnsinnige Kombination. Das wusste schon Nick Hornby. Das berühmteste Zitat dieses weltweit wohl leidenschaftlichsten Fußballromantikers lautet: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ Gänsehaut!

Zwar gibt es vor dem Spiel des 1. FC Union gegen Borussia Dortmund wenig, was die beiden Konkurrenten verbindet. Immerhin traf man auf Ligaebene noch nie aufeinander, und während der Titelkandidat BVB den mit 100 Millionen Euro wertvollsten Bundesligaspieler, Jadon Sancho, in seinen Reihen weiß, kommt der komplette Kader der Eisernen gerade einmal auf einen addierten Marktwert von 35,5 Millionen Euro. Doch ist es eben die Liebe, die die beiden Klubs eint. So warben die Köpenicker vor einigen Jahren mit dem Slogan „Nicht ohne Liebe“, der BVB versprach indes „Echte Liebe“ für Fans, Spieler und alle, die es mit der Borussia halten.

„In mir steckt unendlich viel BVB“

„Echte Liebe“ verspürte Neven Subotic dieser Tage auch. Der Innenverteidiger des 1. FC Union, im Sommer aus Saint-Étienne an die Wuhle gewechselt, hielt mit seinen Gefühlen vor dem Duell mit dem Klub, für den er, mit einer halbjährigen Unterbrechung, zehn Jahre aktiv war nicht hinter dem Berg. „In mir steckt unendlich viel BVB! Ein großer Teil meines Seins ist BVB. Ich habe dort Momente erlebt, die auf ewig verbinden“, schwärmte der 30-Jährige und sprach ganz bewusst von seiner „alten Liebe“ Borussia Dortmund. Die wenigsten wundert’s, gewann der frühere serbische Nationalspieler doch 2010/11 die Meisterschaft und 2011/12 das Double mit den Dortmundern, zudem 2016/17 noch einmal den Pokal.

Das Champions-League-Finale 2012/13 verlor er an der Seite seines „partner in crime“ Mats Hummels gegen den FC Bayern. Nur wenige Wochen zuvor erlebten die beiden Seite an Seite mit dem historischen 3:2 gegen den FC Málaga, das durch zwei Tore in der Nachspielzeit zugunsten des BVB entschieden wurde, das wohl legendärste Fußballspiel des Jahrzehnts. Hummels, der nach drei Jahren beim FC Bayern in diesem Sommer nach Dortmund zurückgekehrt ist, nannte Subotic mal den „mit Abstand besten Innenverteidiger der letzten Jahre“.

Höher im Kurs als Hummels

Doch bei den Dortmunder Fans steht Subotic als Spieler der legendären Jürgen-Klopp-Jahre von 2008 bis 2015 höher im Kurs. Auch weil viele Hummels den Wechsel zum verhassten FC Bayern krummnahmen. Subotic hingegen blieb seiner großen Liebe treu. Als er in der Saison 2016/17 unter Klopps Nachfolger Thomas Tuchel kaum noch Spielzeit bekam, wechselte er für ein halbes Jahr leihweise zum 1. FC Köln, zu dessen Fans die Dortmunder Anhänger ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Beim folgenden Gastspiel der Kölner in Dortmund wurde er nach dem Spiel von der Südtribüne frenetisch gefeiert. „Das war einer der emotionalsten Momente in meiner Karriere. Ich war total sprachlos, hatte das Gefühl, zehn Meter groß und 20 Meter breit zu sein“, sagt Subotic heute über die Szene. Und es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob jemand, der sich einem Gegner des 1. FC Union emotional so verbunden fühlt, im Duell mit ebendiesem ohne Vorbelastung Vollgas für seinen neuen Klub geben kann.

Er kann, zumindest wenn es nach Unions Trainer Urs Fischer geht. „Ich bin mir sicher, dass Neven seine Gefühle für 90 Minuten ruhen lassen und auch gegen den BVB alles geben wird“, erklärte der Schweizer vor dem Duell mit den Borussen. Und machte sogleich ein ähnliches Liebesgeständnis: „Ich hege für den FC Zürich ähnliche Gefühle.“ Den Klub, für den er 302 Pflichtspiele bestritt und schließlich von 2007 bis 2012 erst als Assistenz- und dann als Cheftrainer tätig war. Und Grischa Prömel, der am Sonnabend gegen den BVB verletzungsbedingt passen muss, war es in den Relegationsspielen um den Bundesliga-Aufstieg auch nicht anzumerken, dass sein Herz seit frühester Kindheit für den VfB Stuttgart schlägt.

Scheinbar können Fußballprofis ihre Gefühle für einen Klub tatsächlich einfach ausblenden. Von wegen: „plötzlich, unerklärlich und unkritisch“. Aber wie eingangs erwähnt: Der Fußball und die Liebe, welch’ wahnsinnige Kombination …