Eigentlich ist die Unterscheidung ganz einfach, wenn eine Fußballsaison im April ins letzte Viertel geht: Unten in der Tabelle geht es grässlich zu, körperbetont, alle Mittel sind erlaubt. Oben hingegen gibt es einen wunderbaren Wettlauf um die Beförderung in die nächsthöhere Klasse. Schon der Begriff Aufstiegsrennen verspricht im Gegensatz zum Abstiegskampf Spielkultur und schön anzusehendes Spektakel.

Aber so simpel wie in der Theorie ist die Unterscheidung in der Praxis nicht. Davon mussten sich am Mittwochabend in Köpenick 20.877 Menschen live überzeugen. So viele Ballverluste hatte es schon lange nicht mehr im Stadion An der Alten Försterei zu verkraften gegeben, und am Ende unterlag der 1. FC Union gegen Erzgebirge Aue unerwartet mit 0:1 (0:0).

Einmal an der Tabellenspitze angekommen sind den Eisernen plötzlich Selbst- und Ballsicherheit abhandengekommen. „Du kannst ein Spiel verlieren, aber nicht so“, sagte der frustrierte Kapitän Felix Kroos, „wir waren nicht bereit.“ Letzteres war nicht zu übersehen gewesen. Von der ersten Spielminute an schlossen sich an energische Ballgewinne dilettantische Ballverluste, der erste unterlief Dennis Daube. Deshalb durfte Daniel Mesenhöler gleich zu Spielbeginn seine Paradefähigkeiten gegen Sören Betram unter Beweis stellen und Christopher Trimmel eine Torverhinderungsgrätsche gegen Dimitrij Nazarov vorführen.

Daube, der nach seiner Schulterverletzung zum zweiten Mal in der Startelf auflief und in der ersten Hälfte noch der Aktivste des Teams war, war aber beileibe kein Einzelfall. Die Mannschaft war ohne Ausnahme erfasst von einer seltsamen Furcht. „Wir haben Fehler gemacht, die ich so von meiner Mannschaft nicht kannte“, sagte Jens Keller.

Keller streicht den freien Tag

Tatsächlich muss man in der Trainerabfolge bis zu seinem Vorvorvorgänger Norbert Düwel zurückgehen, um sich an ähnlich verunsicherte Unioner zu erinnern. Damals wollte der Verein gerne oben mitrennen, kämpfte sich aber meistens mittelmäßig durch die Tabelle. Vergessen, aus der Team-DNA gelöscht war diese Erfahrung. Zumindest sah es bis zur Niederlage in Hannover so aus, und eigentlich zweifelte niemand daran, dass die Mannschaft diesen Mini-Rückschlag zu Hause umgehend ausbügelt mit einem locker herausgespielten Sieg gegen Erzgebirge Aue.

Ihrem Gekämpfe versuchten die Unioner zwar einen schönen Anstrich zu geben, aber genau darin lag das Problem: Die Berliner probierten es gerne mal mit der Hacke, aber das war zu viel der Kunst. Das schnelle Direktpassspiel scheiterte an den schlechten Ballannahmen der Mitspieler und dem guten Stellungsspiel der Gegner. „Wir haben uns unsere Angriffe immer wieder mit Fehlpässen zunichtegemacht“, sagte Kroos. 16 Fouls hatten er und seine Kollegen am Ende begangen, doppelt so viele wie Aue.

Erstmals applaudiert wurde daher auch erst in der Halbzeitpause. Da erreichte eine Nachricht aus München die Zuschauer: 1860 führte gegen Unions Aufstiegskonkurrenten VfB Stuttgart. Doch Union konnte die Vorlage aus der Fremde nicht nutzen. Anders als die Stuttgarter, die in der Nachspielzeit noch zum Ausgleich kommen sollten, waren sie nicht in der Lage, Druck auszuüben. Stattdessen reihten sich weiterhin grobe Patzer aneinander. Den folgenschwersten leistete sich Roberto Puncec in der 79. Minute. Sein Kopfball nach einem Befreiungsschlag der Auer, eigentlich eine der einfachsten Abwehraufgaben, flog nur annäherungsweise Richtung Toni Leistner. Nazaro eroberte den Ball, und in der Mitte wartete der seelenruhige Calogero Rizzuto auf die Hereingabe. 0:1.

„Wir waren nicht mutig, heute hatte jeder Angst vor Fehlern. Und die Angst vor Fehlern ist ein schlechter Ratgeber“, sagte Keller. Nach dem Abpfiff rief er seine Spieler in der Kabine zusammen und blies den freien Donnerstag ab. „Wir haben nur wenig Zeit“, erklärte er. „Wir müssen das Spiel analysieren und abhaken.“ Warum die Eisernen derzeit die Punkte gegen anfangs wenig überzeugende Hannoveraner und spielerisch normalerweise unterlegene Auer nicht einsacken, konnte er aber auf Anhieb auch nicht erklären.