Nürnberg - Wie bewegt so ein Fußballtrainer auch eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff noch sein kann, hat sich am Freitagabend in Nürnberg am Beispiel von Jens Keller gezeigt. Zunächst wirkte der Trainer des 1. FC Union bei der Pressekonferenz ja noch sehr gefasst. Er gratulierte dem „Alois“ zum zweiten Sieg in Serie, dem Trainer des 1. FC Nürnberg, Schwartz mit Familiennamen, der ja ein „bisschen mehr Ruhe“ als zuletzt verdient habe.

Dann lobte Keller seine „Jungs“, die bei der 0:2-Niederlage alles gegeben, aber den Gastgebern mit dem geschenkten Tor zum 0:1 natürlich schon auch in die Karten gespielt hätten. Erst, als er die Frage nach dem Grund der Auswechslung von Fabian Schönheim und der damit einhergehenden Einwechslung von Roberto Puncec zu Ohren bekam, veränderte Keller den Ton.

Ein Ton, der auf seine innere Unruhe schließen ließ. Kellers Antwort: „Sie glauben doch wohl nicht, dass ich beim Stand von 0:1 einen Innenverteidiger einfach so durch einen anderen Innenverteidiger ersetze. Um das Ergebnis zu halten?“ Eine Minute später verließ Keller den Saal. Schönheim war angeschlagen, na klar, aber man darf ja mal fragen.

Auch im Nürnberger Frankenstadion, das aus Mangel an einem Namenssponsor derzeit nur Stadion Nürnberg heißt, wird im Vorlauf zu einem Fußballspiel noch immer das große Tamtam gemacht. So wird kurz vor dem Einmarsch der Teams der Rasen kräftig gewässert, obwohl der Club von einem feinen Kurzpassspiel so weit entfernt ist wie Pep Guardiola von einer Freundschaft mit José Mourinho. Klarer Fall von Wasserverschwendung.

Und natürlich werden in Nürnberg im Prolog die alten Helden besungen. Neun Meistertitel, vier Pokalsiege, die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist am Valznerweiher so groß wie lange nicht. Die Fans sind deshalb ziemlich sauer, gaben via Riesenbanner jedem in Rot und Schwarz Folgendes mit auf den Weg: „Schau auf Deine Brust! Dort steht geschrieben, dass Du kämpfen musst.“

Das mit dem Kämpfen ist allerdings nicht so einfach, wenn der Gegner zunächst mit einer spielerischen Klasse zu Werke geht, die für die Zweite Liga keine Selbstverständlichkeit ist. Ja, auch am achten Spieltag der Zweiten Liga hat der 1. FC Union zumindest 40 Minuten lang erkennen lassen, dass Kellers Theorie- und Praxisstunden Wirkung zeigen. Dass sich die Köpenicker eine gewisse Selbstverständlichkeit in den spieltaktischen Abläufen erarbeitet haben.

Gelb-Rot gegen Nürnberger

In der 40. Minute aber brachte Kristian Pedersen mit seinem überharten Einsatz gegen Club-Keeper Thorsten Kirschbaum und der daraus resultierenden Gelb-Roten Karte alles aus dem Gleichgewicht. Kellers Matchplan war plötzlich nur noch ein wertloses Blatt Papier, all seine Überlegungen überflüssig. Woran auch die Gelb-Rote Karte gegen Nürnbergs Edgar Salli in der 43. Minute nichts änderte. Und zu allem Überfluss fing sich sein Team nach einer schlampigen Kopfballabwehr und einem Stellungsfehler von Torhüter Jakob Busk durch Kevin Möhwald mit dem Pausenpfiff auch noch das 0:1.

Um wieder Kontrolle über das Spiel zu gewinnen, stellte Keller seine Mannschaft jedenfalls gewaltig um. In einer Art 2-5-2 übernahm der eingewechselte Kenny Prince Redondo die linke Außenseite; Simon Hedlund, der für Redondo in die Startelf gerückt war, übernahm die Rolle des Mittelstürmers von Philipp Hosiner, der die zweite Hälfte von der Ersatzbank aus beobachten musste. „Das ist kein Spieler, der böswillig irgendwo reinstürzt, aber das war natürlich schon ein bisschen dumm. Aber er ist ein junger Spieler, er wird daraus lernen“, sagte Keller und nahm damit Pedersen sogleich aus der Schusslinie.

Improvisation war also gefragt, die Fähigkeit, sich als Trainer, aber eben auch als Spieler auf eine komplett neue Spielsituation einzustellen. In dieser kreativen Disziplin, das muss für den Abend leider festgehalten werden, konnten die Unioner nicht wirklich überzeugen. Stephan Fürstner und Felix Kroos konnten Phasen des offenen Schlagabtausches nicht verhindern, wurden bei Konterangriffen der Gastgeber immer wieder überspielt. So bekam Möhwald in der 55. Minute die Chance zum Eins-gegen-Eins gegen Torhüter Busk, aus dem Busk als Sieger hervorging.

So eröffnete sich schließlich auch für den eingewechselten Cedric Teuchert in der 83. Minute die Chance, als Spielentscheider gefeiert zu werden. Er umkurvte Busk, schob ein und empfing die Kollegen zum Jubel an der Eckfahne. Und Union? Hatte nur eine richtig gute Torchance, bei der Damir Kreilach am glänzend parierenden Kirschbaum scheiterte (79.).