Stuttgart - Würde der Unterschied wirklich so klar zu erkennen sein? Der Unterschied zwischen einem Zwangziel und einem Wunschziel. Der VfB Stuttgart müsse, sein Team hingegen wolle aufsteigen, so hatte es Union-Coach Jens Keller vor dem Gipfeltreffen formuliert. In der Annahme, dass der hemmende Druck beim Gegner größer sei. Müssen statt wollen. Was Keller überging: Keine Mannschaft in Liga zwei geht mit Drucksituationen so gekonnt um wie der VfB Stuttgart. Schon nach einer halben Stunde schien die Niederlage des 1. FC Union besiegelt, die Berliner lagen mit 0:2 hinten. „Man hat gesehen, dass Stuttgart eine Topmannschaft ist. Wir waren am Anfang zu zögerlich“, sagte Keller hinterher. Da waren seine Fußballer zwar zwischendurch noch mal herangekommen, hatten aber dennoch mit 1:3 verloren.

Einen Hinweis auf die Stärke des Gegners hätten die Eisernen aus den wechselhaften, aber letztlich fast immer erfolgreichen Rückrundenauftritten des Tabellenführers herauslesen können: In den ersten Spielhälften, wenn die Stuttgarter nämlich locker vor sich hinspielten, waren sie im Jahr 2017 bislang auf 7:9 Tore gekommen. In der zweite Hälfte aber befreiten sie sich aus der selbstgeschaffen Zwangslage mit eindrucksvollen 13:2 Treffern. Und nun, an diesem Montagabend, als dieses Spiel Erster gegen Vierter im frei empfangbaren Fernsehen ausgestrahlt wurde, spürten die Gastgeber den nötigen Druck eben von Beginn an.

Am Pfosten vorbei

Zum dritten Mal war das Stadion in dieser Saison ausverkauft − und Union wollte nach Punkten mit Stuttgart, Braunschweig und Hannover gleichziehen. „Es ist eine besondere Drucksituation, aber wir wollen die in positive Energie umsetzen“, sagte VfB-Trainer Hannes Wolf vor dem Anpfiff. Und so kam es. Gleich nach sechs Minuten grätschte Kristian Pedersen gegen Takuma Asano geradewegs in Richtung Notbremse. So schien es zumindest. Doch Unions Linksverteidiger schaffte das Kunststück und klärte ins Toraus.

In der 17. Minute tat sich dann Daniel Mesenhöler als Retter hervor. Erst gegen den 18-jährigen Josip Brekalo, ein Leihspieler vom VfL Wolfsburg, dann nach der anschließenden Ecke gegen Timo Baumgartl, der den Ball von Simon Terodde vor die Füße gewühlt bekommen hatte. Doch die Unioner zeigten, dass sie ebenfalls ihre Stärken in der Offensive haben. Kenny Prince Redondo wirbelte die Außenlinie entlang, Steven Skrzybski feuerte aus allen Lagen, und Sebastian Polter setzte einen Kopfball knapp am Pfosten vorbei.

„Wir haben es immer noch in der Hand“

Insgesamt war Stuttgart aber überliegen, wiederholt ließ der quirlige Asano Zweifel an Christopher Trimmels defensiver Erstligatauglichkeit aufkommen. Und so ein verlorenes Laufduell ging dann auch dem Freistoß voraus, den Alexandru Maxim nach einer halben Stunde im Tor von Mesenhöler versenkte. „Er spekuliert, dass der Ball über die Mauer kommt. Das geht natürlich nicht“, ärgerte sich Keller.

Kaum war das Spiel wieder angepfiffen, führte die Heimmannschaft nach einem Ballverlust von Skrzybski einen wunderbaren Konter aus, den Terodde nach Brekalo-Vorlage so formschön vollendete, wie es keiner hätte für möglich halten können, der Terodde nur aus seiner Zeit bei Union kennt. In dieser Phase war es kein Unterschied zwischen Müssen und Wollen, sondern zwischen Können und Wollen.

Was nicht heißt, dass Union nicht auch manches für die hohe Qualität der Begegnung tat. Vor allem gab das Team trotz des deutlichen Pausenrückstands nicht auf, und Christopher Trimmel bewies nach dem Seitenwechsel, dass er erstligataugliche Flanken schlagen kann. Polter bedankte sich mit seinem sechsten Treffer im 13. Spiel.

Leider ist es jedoch so, dass man auch zu viel wollen kann, auch wenn man gar nicht muss. So überlegte sich Toni Leistner wohl gerade, mit welch schöner Spieleröffnung er Zuschauer und Mitspieler beglücken könnte, als ihm der eingewechselte Daniel Ginczek den Ball ablief. Es folgte ein Doppelpass mit Terodde und das finale 3:1 genau in der Phase, in der Union zwei Drittel der Zweikämpfe gewann und auf den Ausgleich drängte. „In der zweiten Halbzeit waren wir richtig gut drin. Bis ich diesen kapitalen Fehler mache. Das tut mir wirklich leid für die Mannschaft“, entschuldigte sich Leistner.

Die Fans aus Berlin verziehen ihm. „Always look on the bright side of life“, sangen sie. Auch Keller suchte die Sonnenseite: „Wir haben es immer noch in der Hand, den dritten Platz zu holen.“