Berlin - Über die vergangenen vier Monate, in denen Geisterspiele auch im Eishockey den Normalzustand darstellten, hatte man sich zwangsläufig daran gewöhnt, dass es so furchtbar still ist in der gewaltigen Arena am Ostbahnhof. Dass die leeren blauen Sitze den Rahmen bilden und die Anhänger nur insofern dabei sein dürfen, dass ihre Grüße übermittelt werden und die Banner der Fanclubs für Farbtupfer sorgen. Aber gerade jetzt, wo es im Finale für die Eisbären gegen die Grizzyls Wolfsburg um den achten Titel gilt, offenbart sich die Absurdität des Profisports in Pandemiezeiten dann doch, wenn die besten Mannschaften der Saison so gar nicht getragen werden von der Energie ihrer Zuschauer.

Und diese wäre zumindest in der regulären Spielzeit gewaltig gewesen. Zweimal glichen die Eisbären eine Wolfsburger Führung aus, allerdings mussten sie sich in der Verlängerung dann doch mit 2:3 (0:0, 0:1, 2:1, 0:1) geschlagen geben. Womit die Eisbären am Mittwoch (19.30 Uhr, Magentasport) in fremder Halle wie schon in den Runden zuvor mit dem Rücken zur Wand stehen. 

Gleiches Bild wie in der Hauptrunde: Wolfsburg gewinnt

Angesichts der besonderen Umstände, dass es für die Eisbären und auch die Grizzlys ein sehr kurzer Weg zur Meisterschaft ist, begegneten sich beide Mannschaften zunächst mit einer gewissen Zurückhaltung, man könnte auch das als fast höflich bezeichnen. Ähnlich wie in der Hauptrunde, als die Niedersachsen alle vier Vergleiche für sich entschieden hatten, gestaltete sich dieses Aufeinandertreffen als Geduldsprobe. Anders als zuletzt der ERC Ingolstadt, den der EHC im Entscheidungsspiel nach 0:2-Rückstand mit 4:2 bezwungen hatte, gehörte es nicht zum Matchplan der Gäste, die Eisbären mit einer unerwarteten Anfangs-Offensive zu überraschen.

Was trotzdem nicht hieß, dass dieses Spiel zu einem ausschließlich taktisch geprägten Langweiler wurde. Auf beiden Seiten mussten die Torhüter unter Beweis stellen, dass sie in dieser so entscheidenden Phase hellwach sind. Dass sich die Eisbären nach einer guten halben Stunde selbst schwächten, lag an den ersten beiden Strafzeiten dieser Partie, für die in beiden Fällen Ryan McKiernan sorgte. Während die erste Unterzahl glimpflich verlief, lag der Puck in der 34. Minute dann zum ersten Mal im Berliner Tor. Gerrit Fauser brachte seine Bank zum Grölen, nachdem er den zweiten Versuch genutzt hatte, um Niederberger zu überwinden. Wie in den bisherigen Vergleichen wirkte die Mannschaft von Trainer Serge Aubin auch jetzt wieder etwas ratlos, wie sie dieses kompakte Grizzlys-Formation knacken kann.

Eisbären zeigen wieder Comeback-Qualitäten

Angesichts der fortschreitenden Zeit erhöhten die Eisbären im Schlussdrittel aber das Risiko. Und weil nun auch die Wolfsburger zu Gast auf der Strafbank waren, durften sich die Berliner mehrfach im Powerplay ausprobieren. Und beim dritten Anlauf war der Knoten geplatzt: Marcel Noebels, der zum zweiten Mal als wertvollster der Hauptrunde ausgezeichnet wurde, traf zum 1:1 (54.). Seinen Schuss, der wohl eher als Pass gedacht war, fälschte Wolfsburgs Janik Möser unhaltbar für seinen Schlussmann ab. 

Das war der Auftakt für eine wilde Schlussphase. Zunächst versetzte Garrett Festerling den Eisbären einen herben Dämpfer, als er gut zwei Minuten vor dem Ende der offiziellen Spielzeit einen vorangegangenen Fehler von Simon Després ausnutzte. Aber die Berliner verfügen derzeit eben auch über außergewöhnliche Comeback-Qualitäten. 38 Sekunden vor der Sirene, Niederberger hatte seinen Platz im Tor längst verlassen, nutzte Boychuk das Durcheinander vor dem Wolfsburger Tor. Womit das Spiel eine Fortsetzung in der Verlängerung finden musste. 

Schon in einer normalen Play-off-Serie ist die Anspannung in der Overtime gewaltig. Doch in dieser Kurzserie kann ein einziger Fehler eine weitaus dramatischere Dimension annehmen. Und dieser erfolgte aus Berliner Sicht in der 78. Minute, als Julian Melchiori in die Mitte zog und Niederberger tunnelte. „Wir haben eine schwere Serie erwartet. Jetzt geht es darum, diese Niederlage zu korrigieren“, sagte Aubin.