Innenverteidiger Niklas Stark rätselt im Trainingslager, warum Jürgen Klinsmann nicht auf ihn setzt.
Foto: Jan-Philipp Burmann/City-Press

OrlandoNiklas Stark ist überpünktlich. Zwei Minuten vor neun Uhr am Morgen erscheint der 24-Jährige zum Gesprächstermin direkt am Trainingsplatz. „Ganz schön kalt“, sagt er. Wohl wahr, nach den ersten richtig warmen Tagen in Florida zeigt das Thermometer trotz des Sonnenscheins am Morgen von Herthas viertem Tag im Trainingslager in den USA gerade mal zehn Grad an.   Doch das unerwartet kühle Wetter   in Florida ist aktuell Starks geringstes Problem.

Bis vor kurzem war der Innenverteidiger das blau-weiße Aushängeschild. Seit drei Spielen kommt dem Nationalspieler aber unter Trainer Jürgen Klinsmann, 55, lediglich die Rolle des Reservisten zu. Ein Zustand, der den Mittelfranken insbesondere wegen der Europameisterschaft im Sommer ins Grübeln bringt. „Das ist eine neue Situation für mich, die mir natürlich nicht gefällt. Ich muss das erst mal verdauen und schauen, dass es so schnell wie möglich wieder in die richtige Richtung läuft“, sagt Stark.

Stark trainiert in Orlando mit den Reservisten

Tatsächlich ging bisher die Karriere Starks stets steil nach oben. Kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag feierte Stark für den 1. FC Nürnberg sein Bundesliga-Debüt, mit 20 Jahren wechselte er zu Hertha und entwickelte sich so prächtig, dass der U19- und U21-Europameister im November vergangenen Jahres unter Bundestrainer Joachim Löw endlich sein A-Länderspieldebüt feiern durfte. Doch nachdem kurz darauf Klinsmann Ante Covic bei Hertha als Cheftrainer ablöste, stand Stark nur in den ersten beiden Spielen auf dem Platz. Warum der Trainer nicht mehr auf ihn setzt, weiß er   nicht. „Erklärt hat er es mir nicht“, berichtet Stark, der versucht im Training zu zeigen, „dass ich noch da bin“. Seine Konkurrenten Dedryck Boyata, 29, und Karim Rekik, 25, machten ihre Sache allerdings gut, ließen zuletzt dreimal kein Gegentor zu und haben ihren Anteil daran, dass die Berliner zu Weihnachten nicht auf einem Abstiegsplatz verbrachten.

An der Konstellation hat sich in den USA bisher nichts geändert. Stark trainiert meistens mit den Reservisten, beim 5:1 Testspielsieg gegen eine lokale U19-Auswahl, bei dem Klinsmann die vermeintliche A-Elf spielen ließ, kam er nicht zum Zug. Dass die Situation an ihm nagt, daraus macht er keinen Hehl. „Ich bin schon ein Kopfmensch“, sagt Stark. Er bräuchte noch Zeit „um zu erfahren, worauf der Trainer steht“. Über einen Mentaltrainer, der ihm aus dem Tal hilft, hat er noch nicht nachgedacht. „Das interessiert mich aber. Bisher fehlte mir der richtige Anstoß dafür“, sagt er und erklärt mit einem Schmunzeln: „Vielleicht ist es die derzeitige Situation. Ich glaube, das kann was Gutes sein, wenn man offen dafür ist.“

Dass er weiter die Fahne auf der Brust trägt, obwohl sich Spitzenklubs wie Borussia Dortmund im Sommer intensiv um ihn bemühten, bereut er trotz seiner aktuellen Situation nicht. „Ich denke nicht an die Vergangenheit. Es lief bisher alles sehr gut bei Hertha. Ich habe mich unter Pal (Dardai, d. R.) und auch unter Ante wohlgefühlt“, sagt Stark und erklärt sogleich: „Jetzt finde ich das Training auch sehr gut. Wir arbeiten an unseren Basics. Ich nörgle auch nicht rum, weil ich nicht gespielt habe.“

Chancen auf EM-Teilnahme sinken

Dennoch steckt er in einem Dilemma. Schließlich weiß Stark, dass die Chance auf eine EM-Teilnahme in diesen Sommer auf seiner Position sehr aussichtsreich ist. Bei Bayern-Profi Niklas Süle ist es fraglich, ob er nach seinem Kreuzbandriss rechtzeitig für das Turnier fit wird. Mit Leverkusens Jonathan Tah und Mönchengladbachs Matthias Ginter ist Stark, wenn er seine Qualitäten abrufen kann, auf Augenhöhe.

„Es ist mein großes Ziel. Das schaffe ich nur, wenn ich spiele“, sagt er. Deswegen will er mit Klinsmann über seine Situation schon bald sprechen. „Wir werden ein offenes Gespräch führen. Dann werden wir sehen, was daraus resultiert“, kündigt er an. Über einen Wechsel hat er noch nicht nachgedacht. „Wenn ein Angebot da ist, macht man sich Gedanken. Aber ich nehme die Aufgabe bei Hertha an und will Teil dieses Projekts sein. Da gibt es für mich erst mal keinen Fluchtgedanken“, erklärt Stark. Vielmehr werde er alles daran setzen, „dass ich wieder spiele“. Ob das bei Hertha oder einem anderen Klub der Fall sein wird, wird spätestens am 31. Januar klar sein, wenn das Wintertransferfenster schließt.