Für Niklas Süle und Antonio Rüdiger hat das Länderspiel der DFB-Elf gegen Spanien einen sehr hohen Stellenwert.
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Frankfurt a. M.Ungewöhnlich lange hat Joachim Löw vor dem ersten Training auf dem Gelände der Stuttgarter Kickers auf seine Mannschaft eingeredet. Die Spieler postierten sich kreisartig vor dem Bundestrainer, und die meisten Akteure verschränkten im ADM-Sportpark artig die Arme hinter dem Rücken. Niklas Süle und Antonio Rüdiger senkten sogar leicht demütig den Kopf. Ursprünglich mal von Löw als Abwehrbollwerk für die EM 2020 eingeplant, hing jeweils einer der beiden defensiven Säulen in den vergangenen anderthalb Jahren in den Seilen. Nun wird der Re-Start der deutschen Nationalmannschaft zum Nations-League-Auftakt gegen Spanien in Stuttgart (Donnerstag 20.45 Uhr/ZDF) auch zum Comeback der Wunschabwehr, das für die Wiederaufnahme in der DFB-Auswahl ausgesprochen dankbar ist.

„Es war eine nicht ganz einfache Zeit. Der DFB hat mir unglaublich gefehlt“, beteuerte Süle. „Für mich ist das mehr als ein Testlauf und nicht irgendein Spiel“, betonte Rüdiger. Die beiden Hünen - der eine 1,95 Meter (Süle), der andere 1,90 Meter (Rüdiger) – waren am Dienstag vor dem Mittagessen im Waldhotel im noblen Stadtteil Degerloch zur virtuellen Pressekonferenz erschienen, um sehr glaubhaft den persönlich hohen Stellenwert dieses Länderspiels herauszustellen. Das Duo könnte von der Auszeit der DFB-Auswahl mit fast zehn Monaten Spielpause am meisten profitiert haben. Für Löw sind die Stützen deshalb so wichtig, weil sie Körperlichkeit mit Schnelligkeit paaren. Beide stehen für die Kernelemente des modernen Abwehrspiels.

Süle hat sein letztes Länderspiel  am 13. Oktober 2019 im EM-Qualifikationsspiel in Estland (3:0) gemacht, eine Woche später riss im Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg sein vorderes Kreuzband im linken Knie. Kurz darauf sollte Uli Hoeneß über den verletzten Abwehrspieler sagen: „Die EM ist ad acta gelegt, die können Sie total vergessen.“ Tatsächlich wäre es verdammt knapp geworden, wenn das Turnier nicht wegen der Pandemie verschoben worden wäre. Jetzt hat der gebürtige Frankfurter angekündigt, den „nächsten Schritt“ zu machen. Als Abwehrchef habe er sich zwar selbst „nie auserkoren“, aber er möchte schon noch „lauter werden“. Im Verein gibt inzwischen David Alaba hinten den Ton an; Süle kann für sich verbuchen, nach seiner Einwechslung im Champions-League-Finale „ohne großes Warmmachen“ für den früh verletzten Weltmeister Jerome Boateng überzeugt zu haben. Der Triple-Gewinn dürfe ruhig Ansporn sein, findet Süle: „Wir haben den gleichen Hunger wie bei den Bayern auch bei der Nationalmannschaft.“

Bei der EM  habe man „eine Mannschaft, die um den Titel mitspielen kann“, meint der 24-fache Nationalspieler, der am Spieltag seinen 25. Geburtstag feiert. Mit einem Gerücht wollte der 97-Kilo-Mann vorher noch aufräumen. Dass er seine Ernährung umgestellt habe, stimme so nicht. „Der eine ernährt sich vegan, der andere frisst fünf Kilo Fleisch am Tag. Jeder sollte das so machen, wie er sich wohl fühlt. Ich bin eine Weile Profi, ich weiß, was dazugehört.“ Er habe in der Reha „viel Gas gegeben, aber neben dem Platz bin ich der Gleiche.“ Hörte sich so an, als gönne er sich mitunter noch einen Schnellbesuch im Fastfood-Restaurant. Nur sollte daraus niemand falsche Schlüsse ableiten: „Ich habe viel an meinen Defiziten, an meiner Fitness gearbeitet.“

Gestärkt nach einem Kreuzbandriss zurückkommen: Diese Erfahrung hat der beim VfB Stuttgart zum Profi aufgestiegene Rüdiger schon hinter sich, der diese Blessur im Trainingslager vor der EM 2016 erlitt. Es wäre nur logisch, würde der 27-Jährige gegen eine „große Fußball-Weltmacht mit unglaublichen individuellen Spielern“ (Süle über Spanien) ebenfalls zentral verteidigen. Der letzte gemeinsame Auftritt der Abräumer im Kühlschrank-Format datiert vom 24. März 2019: Damals bezwang die DFB-Auswahl die Niederlande in der  Amsterdam Arena zum Auftakt der EM-Qualifikation mit 3:2. Es war das bislang letzte von 30 Länderspielen des beim FC Chelsea längst etablierten Profis, den im Frühjahr vergangenen Jahres eine Knieoperation aus der Bahn warf, im Herbst eine langwierige Leistenverletzung.

Als die Premier League Ende Juni den Betrieb wieder aufnahm, spielte Rüdiger unter Teamchef Frank Lampard jedoch dieselbe tragende Rolle wie vorher. Dass mit Timo Werner und sehr wahrscheinlich auch Kai Havertz gleich zwei deutsche Nationalspieler an der Stamford Bridge anheuern, begrüßt der gebürtige Berliner ausdrücklich. Er habe selbst ein bisschen Überzeugungsarbeit geleistet, wie er schmunzelnd erzählte: „Mit Timo hat das alles gut geklappt, ich habe meinen Beitrag dazu geleistet. Ich hoffe, dass mit Kai dasselbe passiert.“

Er könne nur jedem zu einem Wechsel ins Ausland raten. „Ich musste mein Nest verlassen, um ein Mann zu werden.“ Ansonsten ist er allerdings gerade froh, in Corona-Zeiten in der Heimat zu sein, weil nach seinem Dafürhalten die Menschen sich hier besser vor dem Virus schützen: „Hier ist es noch mal intensiver. Das ist auch gut so. Deutschland hat in der Pandemie-Zeit gezeigt, dass es auf einem anderen Level und organisierter ist.“