Nina Meinke mit Trainer Kay Huste auf dem Dachboden ihres Vaters in Spandau.
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BerlinIn seinem Ingenieurbüro in Berlin-Spandau kann Christian Meinke jetzt dienstags und donnerstags hören, wie seine Tochter trainiert. „Bumm, bumm“, die Zimmerdecke über seinem Schreibtisch vibriert. Nina Meinke ist Boxerin, seit November 2018 Deutschlands erste Europameisterin im Federgewicht. Seit die Corona-Beschränkungen ihren Trainingsraum geschlossen haben, trainiert die 27-Jährige auf dem Dachboden des Gründerzeit-Hauses, in dem ihr Vater wohnt und arbeitet. 

„Not macht erfinderisch“, sagt Nina Meinke. Auf dem Dachboden gibt es keine Heizung und kein Licht. „Dort standen nur ein paar Schränke rum, Ninas alte Schlitten, ein Gipssack“, meint Christian Meinke. Er ist nicht nur Ninas Vater, sondern auch ihr Manager und zudem ein guter Freund des früheren Box-Weltmeisters Sven Ottke, weshalb Ottke Ninas Patenonkel ist.

Erst mal fegte Vater Meinke am Dachboden den Staub von den Dielen und hängte den ledernen, mit Stofffetzen gefüllten Boxsack an einen Dachbalken, den er seiner Tochter vor zwanzig Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. Den Gipssack nutzt Nina Meinke jetzt für ihre Kraftübungen. Auf den Schlitten macht sie Liegestütze. Ihr Trainer Kay Huste, der  als Chefcoach auch die Boxer des Berliner TSC betreut, brachte Kurzhanteln und Gummibänder mit, stellte ein neues Programm für seine Athletin zusammen, die eigentlich auf einen Kampf um den WM-Titel Anfang Mai hingearbeitet hatte. Aber der fiel wegen der Corona-Umstände aus. „Da war Nina natürlich sehr geknickt“, sagt Huste. Aber: „Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben“, versichert er.

Meinkes Magdeburger Boxstall Sport Events Steinforth (SES) hat mit Hilfe eines Ingenieurbüros und örtlichen Virologen ein Konzept für eine mögliche Ringveranstaltung ohne Zuschauer erarbeitet und bei den entsprechenden Institutionen eingereicht. Im Vergleich zum Bundesliga-Fußball sei der zu testende und kontrollierende Personenkreis im Boxen ja deutlich geringer heißt es bei SES.

„Nina trainiert sehr kreativ auf dem Dachboden, Weltmeister Dominic Bösel läuft durch die Weinberge, manche dürfen schon ins Gym, andere nicht. Uns geht es darum, dass die Boxer wieder Geld verdienen können. Manche haben seit zwölf Monaten nicht geboxt, sie sind Solo-Selbstständige. Sie müssen wieder in Tritt kommen“, sagt SES-Sprecher Christof Hawerkamp. Das versucht der Promoter zunächst mit nationalen Kämpfen, da internationale Duelle aufgrund der Reisebeschränkungen wohl noch längere Zeit nicht möglich sein werden.

Nina Meinke   ist als Groß- und Außenhandelskauffrau im Ingenieurbüro ihres Vaters angestellt.  Das federt den Umstand ab, dass ihr Kampfbörsen fehlen. Als ihr klar geworden war, dass es mit einem WM-Kampf so bald nichts werden würde, „war meine Motivation im Keller“, sagt sie, „du trainierst auf nichts hin“.  Aber sie fand neuen Spaß am Training auf dem Dachboden ihres Vaters, den sie zuletzt vor Jahren übers Nebenhaus betreten hatte, nachdem sie sich ausgesperrt hatte.

Mit Huste, der früher selbst Europameister und Olympiateilnehmer war, trainiert sie mittwochs und samstags außerdem am Spreeufer unter freiem Himmel – zusammen mit den Schauspielern Ludwig Trepte, Emilio Sakraya und Karim Günes, die in Filmen wie „4 Blocks“, „Bibi und Tina“ oder „Tatort“ mitspielen. Huste lässt Nina Meinke  dann oft Technik oder Taktik erläutern, sie ist dann eine Art Assistenztrainerin, weil Huste findet: „Wenn sie die Philosophie erklärt, etwa welche Taktik man nutzt, um Fehler des Gegners zu provozieren, lernt sie selbst viel dazu. Selbst auch Trainer zu sein, macht einen Sportler reifer.“

Montags und freitags stemmt Nina Meinke auf der Rampe vor dem Powath Gym ihres Fitnesstrainers Snick Stjepic Gewichte. Er hat einige Kraftgeräte vor die Tür gestellt.  Drinnen zu trainieren, ist noch nicht erlaubt.  Huste sagt, die kampffreie Zeit sei gar nicht so schlecht, um Schlaghärte zu trainieren, das aggressive Angriffsboxen, das Nina Meinke seit ihrer Niederlage gegen Elina Tissen in Potsdam vor zwei Jahren verfolgt. Der Trainer ist sicher: „Wenn unser  Promoter Ulf Steinforth sagt, jetzt geht’s los, dann sind wir bereit.“