Seefeld - Bei der Eröffnung der Nordischen Ski-WM trug Johannes Rydzek an der Spitze des deutschen Teams strahlend die schwarz-rot-goldene Fahne auf den Festplatz im Herzen von Seefeld. Der Oberstdorfer ist im Alter von gerade 27 Jahren aktueller Doppelolympiasieger und mit sechs Titeln Rekordweltmeister in der Nordischen Kombination. Bei der letzten WM vor zwei Jahren in Lahti hat Rydzek alle möglichen vier Goldmedaillen gewonnen. Trotzdem hat Deutschlands Sportler des Jahres 2017 vor der ersten WM-Entscheidung in Österreich an diesem Freitag ein fast unglaubliches Problem.

„Ihm fehlt es an Selbstbewusstsein, das ist die größte Challenge für ihn. Johannes hinterfragt sich immer. Er ist als Typ einfach so, daran ändern auch die ganzen Erfolge nichts“, sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch. Der bisherige Saisonverlauf hat nicht unbedingt dazu beigetragen, bei Rydzek das Vertrauen in die eigene Stärke aufzubauen. Zwar hat er im Weltcup in diesem Winter schon einen Weltcupsieg und vier weitere Podestplätze feiern können, aber seit Mitte Januar ist im Springen ein bisschen der Wurm drin. Und genau darauf kommt es in diesem Winter besonders an.

Neues Flugniveau

Das hat vor allem damit etwas zu tun, dass der mit elf Saisonsiegen bislang überragende Norweger Jarl Magnus Riiber das Flugniveau enorm nach oben geschraubt hat. „Er hat oft so einen Vorsprung herausgesprungen, dass selbst superstarke Läufer wie unsere Jungs einfach nicht mehr hinkommen. Deshalb müssen wir uns im Springen enorm weiterentwickeln“, sagt Weinbuch. Der Erfolgstrainer versuchte wie schon vor Olympia 2018, mit speziellen Sprungtrainingslagern in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen kurz vor der WM noch das Ruder herumzureißen.

Und zumindest nach den Trainingseindrücken von der WM-Großschanze am Innsbrucker Bergisel scheint der Abstand zu Riiber und Co. geschrumpft zu sein. Neben Rydzek zeigten auch die anderen starken deutschen Läufer Fabian Rießle und Vinzenz Geiger starke Sprünge. Auch bei Eric Frenzel, der schon 13 Weltcups in Seefeld gewonnen hat, zeigt die Tendenz leicht nach oben. „Das Vertrauen ist noch nicht zu 100 Prozent da, aber wenn am Freitag noch die Anspannung da ist, wird es hoffentlich passen“, sagt Rydzek.

Wandel des Ehrgeizlings

Der Dominator der letzten Großereignisse sieht sich dieses Mal nicht in der Favoritenrolle und versucht, entspannt in seine Mission „WM-Titelverteidigung hoch vier“ zu gehen: „Natürlich habe ich schöne Erinnerungen an die WM vor zwei Jahren, die unglaublich motivieren. Aber besonderen Druck macht mir das nicht. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe.“ Der einst überehrgeizig wirkende Athlet ist zumindest etwas gelassener geworden. Das hat vermutlich auch etwas damit zu tun, dass er auch abseits des Sports feste Grundlagen für die Zukunft gelegt hat. Im vergangenen September heiratete er im Königlichen Jagdhaus in seiner Heimat Oberstdorf Freundin Lissi. Und auch sein Studium im Wirtschaftsingenieurwesen steht kurz vor dem Abschluss, gerade sucht Rydzek noch nach einem Thema für die Bachelorarbeit.

Seinen Meisterbrief in der Nordischen Kombination hat der Überflieger der letzten Jahre ohnehin in der Tasche. Und trotz mangelnden Selbstbewusstseins bei seinem Musterschüler hofft Weinbuch insgeheim immer noch darauf, dass die deutschen Kombinierer in Seefeld eine ähnliche Siegesserie wie bei der WM 2017 (alle vier möglichen Titel) und den Olympischen Spielen 2018 (alle drei möglichen Goldmedaillen) starten können: „Mal seh’n, ob uns noch mal so etwas gelingt. Auf jeden Fall haben wir den Anspruch, in jeder der vier WM-Entscheidungen ums Stockerl mitzukämpfen.“