Nordische Ski-WM in Österreich: Skispringer Markus Eisenbichler gewinnt Gold im Einzel und im Team

Innsbruck - Markus Eisenbichler wackelte, aber fiel nicht, blieb auf den Beinen und sauste den Auslaufhügel der Chance hinauf, wo ihn seine Teamkollegen schon erwarteten. Wieder konnte der Urbayer am Bergisel jubeln, diesmal gemeinsam mit Richard Freitag, Stephan Leyhe und Karl Geiger, die den Einzelweltmeister vom Vortag in Empfang nahmen. Mit 987,5 Punkten gewannen sie den Mannschaftswettbewerb der Weltmeisterschaft überlegen vor Gastgeber Österreich (930,9) und Japan (920,2). Eisenbichler trat damit in die Fußstapfen von Martin Schmitt, der ebenfalls 2001 als bislang letzter deutscher Skispringer Weltmeister im Einzel sowie mit dem Team geworden war.

Das war der krönende Abschluss einer Geschichte, der Geschichte des Sportlers Markus Eisenbichler. Sie war geprägt von zahllosen Rückschlägen. In seiner Karriere schien er auf die Rolle des ewigen Zweiten und Trainings-Weltmeisters festgelegt zu sein. Und nun das: Wirklich jeder aus der Skisprung-Szene freute sich an diesem sonnigen Wochenende im Innsbrucker Bergiselstadion für den 27 Jahre alten Mann, der ausgerechnet beim Saisonhighlight erstmals in seiner Karriere auf dem obersten Siegerpodest gelandet war. Der zunächst gemeinsam mit seinem Zimmerkollegen Karl Geiger einen deutschen Doppelsieg feiern konnte. Geiger war im Einzel Zweiter geworden und am Sonntag dann ebenfalls Weltmeister.

Leben als Lehrstück

„Wie soll man das verdauen, wenn man noch nie gewonnen hat und plötzlich Weltmeister ist“, sagte Eisenbichler: „Ich habe so viele Tiefschläge einstecken müssen. Aber wenn man der richtige Typ ist, kommt man da stärker raus.“ Keine Frage: Der Mann mit dem Spitznamen „Eisei“ ist ein einzigartiger Typ und seine Vita ein Lehrstück für Kampfgeist. Im September 2012 verlor er bei einem Trainingsflug in Oberstdorf nach dem Absprung die Kontrolle und stürzte kopfüber auf den Hang. Der dritte Brustwirbel war gebrochen, vier weitere angebrochen. Es drohte der Rollstuhl.
„Als ich da unten lag und erstmal nichts mehr gemerkt habe, habe ich schon mal gedacht, dass es das jetzt mit dem Skispringen war“, erinnert sich Eisenbichler an die Dramatik: „Als ich dann im Krankenhaus lag, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mir gesagt: Falls ich wieder fit werde, dann probiere ich es noch mal. Dann nicht mehr mit 80 Prozent. Sondern unter dem Motto Alles oder Nichts.“

Es sagt viel über den Mann aus Siegsdorf, dass ihm ausgerechnet auf der Schicksals-Anlage in Oberstdorf in diesem Winter fast der erste Sieg überhaupt geglückt wäre. 0,4 Punkte oder 22 Zentimeter fehlten ihm hinter Ryoyu Kobayashi zum Triumph.

Insgesamt viermal landete Eisenbichler in dieser besten Saison seiner Laufbahn als Zweiter hinter dem Japaner. Auch in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee. Ein 13. Platz in Innsbruck hatte Eisenbichler alle Chancen geraubt. Es passt perfekt zur Geschichte dieses Mannes, dass er sich gut sieben Wochen später genau hier zum Weltmeister krönte. „Da ist ein kleines Märchen passiert. Ich kenne kein Stehaufmännchen wie ihn, der so viele Rückschläge weggesteckt hat“, sagte Bundestrainer Werner Schuster.

Charaktertest bei Olympia

Erst bei Olympia vor einem Jahr war Eisenbichler im letzten Moment aus dem Quartett für den Mannschaftswettbewerb geflogen. Seine Teamkollegen gewannen ohne ihn Silber und trotz aller Enttäuschung zeigte er bei der anschließenden Party einen Schuhplattler zu Ehren der Medaillengewinner.

Eine Facette des speziellen Charakters des Doppel-Weltmeisters. Der sich in der Vergangenheit mit zu hohen Erwartungen an sich oft selbst den Weg zum Sieg verbaut hatte. „Er hat seine eigene Ideen, man könnte sie auch Hirnfürze bezeichnen. Manchmal verläuft er sich dabei. Aber er ist nicht kleinzukriegen. Und irgendwann wächst der Glaube daran, dass du einfach dran bist“, sagt Schuster. So wurde aus dem Trainings-Weltmeister, der in der Vergangenheit oft nur bei Übungseinheiten oder in der Qualifikation die Bestweite setzte, ein echter Weltmeister.
Das ist auch ein Verdienst des norwegischen Assistenz-Bundestrainers Roar Ljökelsoy, der Eisenbichler vor dem entscheidenden zweiten Sprung im Einzel am Sonnabend eingestellt hat. „Ich habe alles riskiert und bin voll auf Sieg gesprungen. Diesen Sieg werde ich nie aus meinem Herzen lassen“, sagte Eisenbichler.

So einen Sieg kann nun auch Bundestrainer Werner Schuster für sich beanspruchen. Am Sonntag wurde ihm der spezielle Moment zuteil: „Das war eine Flugshow vom ersten Sprung weg. Ich bin sehr dankbar, dass ich dabei war.“