Alexander Nouri ist plötzlich bei Hertha vollverantwortlich.
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BerlinNein, ganz neu war die Sitzverteilung für Alexander Nouri nicht. Bei Hertha BSC ist es üblich, dass der jeweilige Cheftrainer bei Pressekonferenzen auf einem Podium im Zentrum Platz nimmt – flankiert vom Medienchef und von Manager Michael Preetz. Nouri, 40, nach dem spektakulären Rücktritt von Jürgen Klinsmann seit Mittwoch „Cheftrainer auf Zeit“, hatte schon in der Vergangenheit seinen nun ehemaligen Vorgesetzten bei den Medientreffs vor Bundesliga-Duellen vertreten, exakt dreimal. Nun, vor dem brisanten Auswärtsspiel beim SC Paderborn (Sonnabend, 15.30 Uhr/live auf Sky) nahm Nouri den Platz in der Mitte locker und selbstbewusst ein – blauer Pullover, Fünf-Tage-Bart, freundlich und konzentriert.

Die Rolle des Chefs ist nicht neu für Nouri, der im Jahr 2016 den 62. DFB-Trainerlehrgang erfolgreich absolvierte – in einer Riege mit Julian Nagelsmann und dem Jahrgangsbesten Domenico Tedesco. Später stieg er vom U23-Trainer bei Werder Bremen zum Chefcoach der Profis auf, hatte schnell Erfolg, der aber nicht von Dauer war. Nach 13 Monaten und zuletzt 13 Spielen ohne Sieg in Serie (fünf Remis) wurde er Ende Oktober 2017 entlassen. Das anschließende Engagement beim Zweitligisten FC Ingolstadt zusammen mit seinem Assistenten Markus Feldhoff endete ebenfalls ohne Happy End. Acht Spiele ohne Sieg, bei drei Remis, brachten das Aus. Kurios: Den letzten Sieg als Cheftrainer feierte Nouri am 29. April 2017 als Werder-Coach ausgerechnet gegen Hertha BSC. 

Man muss jetzt nicht alles über den Haufen werfen, weil Jürgen Klinsmann weg ist.

Alexander Nouri

Doch all das ist längst Vergangenheit. Nach dem unrühmlichen Abgang von Klinsmann hatte Preetz verkündet: „Wir werden mit Nouri und Feldhoff und dem Trainerteam in die nächsten Wochen gehen. Wir wissen alle, dass wir schwere Aufgaben vor der Brust haben. Nouri verdient die volle Unterstützung, die Mannschaft auf die nächsten Wochen vorzubereiten.“ Für Nouri ist der neue Posten Chance und Risiko zugleich. Führt er das Team aus der Abstiegszone, kann er sich für andere renommierte Vereine empfehlen, geht es schief, haftet ein negatives Image an ihm.

„Die Mannschaft“, sagte Nouri nun, „ist sehr konzentriert und hat sehr gut mitgezogen im Training.“ Er habe nicht viel in den Abläufen verändert. „Man muss jetzt nicht alles über den Haufen werfen, weil Jürgen Klinsmann weg ist.“ Er sei dankbar, das Team führen zu können. „Jeder hat eine etwas andere Art, Dinge zu transportieren und Dinge zu vermitteln.“

Konkreter wurde Nouri nicht. Er gab an, vom Rücktritt Klinsmanns, der ihn mit nach Berlin gelotst hatte, überrumpelt gewesen zu sein. „Grundsätzlich hat mich die Endgültigkeit seiner Entscheidung auch überrascht. Ich hatte nur kurz Gelegenheit, mich mit ihm auszutauschen“, berichtete Nouri. Endgültig gebrochen hat Nouri nicht mit Klinsmann. „Klar, wird es Kontakt geben, warum nicht. Wir sind alles Menschen und wir haben als Team gut zusammengearbeitet.“

Cunha ist eine Option

Manager Preetz muss nun Nouri alle Unterstützung geben, aber parallel auch einen neuen Cheftrainer für die kommende Saison suchen. Ein Spagat. Preetz schloss am Freitag zwar Nouri als einen Kandidaten nicht völlig aus, aber das erscheint unwahrscheinlich. Die Ziele, die Investor Lars Windhorst auf der Pressekonferenz am Donnerstag, als der Schulterschluss mit Präsident Werner Gegenbauer und Manager Preetz demonstriert worden war, formuliert hatte, sind enorm hoch und entsprechen denen, die Klinsmann immer vollmundig verkündet hatte. Zuerst der Klassenerhalt, danach Angriff auf die Europa-League-Plätze in der Saison 2020/21 und noch später soll das Etablieren in der deutschen und europäischen Spitze folgen. Dafür fahndet man nach einem ambitionierten Cheftrainer und garantiert nach einem Mann mit Strahlkraft und möglichst internationaler Erfahrung.

Nouri darf das im Moment nicht anfechten. Er kündigte für das Spiel in Paderborn jedenfalls „Vollgas“ an. Aller Voraussicht nach wird er auch den Brasilianer Matheus Cunha in den Kader berufen. Den 20-Jährigen hatte Hertha in der Winterpause für 18 Millionen Euro Ablöse von RB Leipzig verpflichtet. Cunha war zuletzt 14 Tage in Kolumbien unterwegs und hatte die U23 von Brasilien mit fünf Toren maßgeblich zu den Olympischen Spielen nach Tokio geschossen.